Am 1. August 2026 ist die russische Rüstungsindustrie auf ein neues Niveau der Digitalisierung übergegangen: Der spezialisierte Marktplatz «Roi.Market» hat offiziell den Pilotbetrieb verlassen. Die Plattform, die vom Zentrum für unbemannte Systeme und Technologien (ZBST) bereits Anfang 2025 gestartet wurde, ermöglicht Verkäufern nun die eigenständige Verwaltung von Sortiment, Preisen und Logistik für militärische Güter. Dieses Ereignis stellt Russlands Antwort auf das Erscheinen ukrainischer Äquivalente dar und versucht, die zuvor chaotische Versorgung zu systematisieren, die häufig über „graue' Schemata auf zivilen Plattformen erfolgte.
Von manueller Steuerung zur Automatisierung: Wie der neue Marktplatz funktioniert
Wie die Zeitung «Kommersant» unter Berufung auf den Vorstandsvorsitzenden des ZBST, Andrei Bezrukov, berichtet, wurde ein erheblicher Teil der Vorgänge auf der Plattform bis August 2026 von einem internen Entwicklerteam durchgeführt. Verkäufer haben nun Zugang zu einem vollwertigen persönlichen Konto. Dies ermöglicht es ihnen, Produkte eigenständig zu listen, Bestellungen zu bearbeiten und Lagerbestände zu verwalten. Das Sortiment der Plattform hat den Rahmen einfacher Drohnenkomponenten längst verlassen: Im Katalog sind 3D-Drucker, Glasfaserkabeltrommeln, Antennen und Ausrüstung für Feldlabore vertreten.
Die Entwicklungsstrategie des ZBST sieht eine Erweiterung der Geografie und des Sortiments vor. Der nächste Schritt wird die Gewinnung von Herstellern für Felduniformen, persönliche Schutzausrüstung und Panzerschutz sein. Die Behörden hoffen, Verkäufer auf die Plattform zu holen, die zuvor bei zivilen Giganten wie Wildberries oder Ozon tätig waren, indem sie ihnen niedrigere Umsatzprovisionen anbieten, auch wenn die Logistikkosten nun bei den Verkäufern selbst liegen.
Logistische Revolution: Wechsel zum 4PL-Modell
Eines der Hauptmerkmale von «Roi.Market» war der Verzicht auf den Aufbau eines eigenen Lagernetzwerks zugunsten eines verteilten Logistikmodells 4PL (Fourth-Party Logistics). In diesem System kann die Ware beim Verkäufer oder in der bestehenden Infrastruktur verbleiben, bis eine Bestellung erfolgt. Für die Lieferung werden mehrere Betreiber gleichzeitig herangezogen. Experten des ZBST sind der Ansicht, dass dieser Ansatz es ermöglichen wird, die Liefergeografie erheblich zu erweitern, ohne enorme Kapitalinvestitionen für den Bau neuer Lagerhallen tätigen zu müssen.
Für Käufer bleibt die Plattform geschlossen: Der Zugang erfolgt nur über eine Authentifizierung mit Berechtigungsebenen für Benutzer. In Zukunft ist geplant, andere Sicherheitsbehörden neben dem russischen Verteidigungsministerium an die Plattform anzuschließen und den B2B-Bereich zu entwickeln. Bis 2027 sollen auf «Roi.Market» mehr als 10.000 Artikelpositionen gelistet werden.
Antwort auf die ukrainische Erfahrung und Druck auf zivile Plattformen
Der Start der Vollversion des russischen Marktplatzes erfolgte genau ein Jahr nach dem Erscheinen ähnlicher ukrainischer Plattformen – DOT-Chain Defence und Brave1 Market, die im Frühling-Sommer 2025 mit der Arbeit begannen. Dies zeugt davon, dass beide Konfliktparteien vom chaotischen Sammeln von Geldern und Ausrüstung zu einem systematischen, zentralisierten Handel übergehen.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse bleibt die Situation rund um den zivilen Einzelhandel in Russland angespannt. Seit Mitte Juli 2026 führen die ukrainischen Verteidigungskräfte methodische Angriffe auf Logistikzentren von Wildberries auf dem Territorium Russlands durch. Nach den ersten Angriffen war das Unternehmen gezwungen, den Bereich „Alles für SVO' (Spezielle Militäroperation) aus dem Katalog zu entfernen. Laut Quellen sind jedoch Hunderttausende von militärischen Gütern nicht verschwunden – sie wurden lediglich in andere Kategorien verschoben, was die Kontrolle über den Waffenhandel über zivile Plattformen extrem schwierig macht.
Widersprüchliche Daten
Es gibt Diskrepanzen bei der Einschätzung der Effektivität des Übergangs auf spezialisierte Plattformen. Einerseits behaupten Vertreter des ZBST eine „wesentlich niedrigere' Provision im Vergleich zu Mass-Marktplätzen, was den Geschäftsbetrieb stimulieren soll. Andererseits könnte die Anforderung an Verkäufer, die Logistikkosten selbst zu tragen (im Gegensatz zum FBO-Modell bei Wildberries, wo Lagerkosten oft in die Tarife einbezogen oder anders verteilt sind), die Teilnahme an «Roi.Market» für kleine Unternehmen weniger attraktiv machen. Darüber hinaus ist es noch unklar, wie schnell Verkäufer von zivilen Plattformen sich an das geschlossene Authentifizierungssystem und die spezifischen Anforderungen militärischer Auftraggeber anpassen können.