Russland steht vor einem beispiellosen Treibstoffkrise, die die Behörden zu außerordentlichen Maßnahmen gezwungen hat. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte bereitet sich das Land, das traditionell einer der größten Exporteure von Erdölprodukten ist, darauf vor, Dieselkraftstoff aus dem Ausland zu importieren. Die Ursache ist ein kritischer Mangel an der eigenen Produktion, der durch Angriffe auf Industrieanlagen verschärft wurde.
Importdämpfer und staatliche Subventionen
Die russische Regierung hat bereits die rechtliche Grundlage geschaffen, um den Kauf von Diesel im Ausland zu ermöglichen. Zur Umsetzung dieses Mechanismus wird ein sogenannter „Importdämpfer“ eingeführt. Das Prinzip ist einfach: Russische Ölgesellschaften erhalten direkte Subventionen aus dem Staatshaushalt. Der Staat übernimmt die Kompensation der Differenz zwischen den hohen Weltmarktpreisen für Kraftstoff und den künstlich niedrigen internen Tarifen. Laut dem russischen Energieminister Sergej Tsiviljew soll diese Maßnahme die wirtschaftliche Attraktivität der Lieferungen für ausländische Importeure erhalten.
Landwirte gegen Mähdrescher: Mangel in der Erntezeit
Die Situation auf dem Markt hat gerade dann einen kritischen Punkt erreicht, als sie für die Wirtschaft am schmerzhaftesten wurde. Im Süden Russlands, wo die Erntekampagne begonnen hat, beklagen Landwirte massenhaft einen Mangel an „Diesel“. An lokalen Tankstellen wurden strenge Verkaufslimits eingeführt – von 100 bis 200 Litern pro Person. Für den Betrieb eines modernen Mähdreschers pro Schicht werden mindestens 300 Liter Kraftstoff benötigt, was einen vollwertigen Betrieb der Technik unter den aktuellen Bedingungen unmöglich macht.
Preise erreichen Rekordwerte: Anstieg um 18%
Wirtschaftliche Indikatoren bestätigen die Tiefe der Krise. Bis Ende Juni sind die Preise für Dieselkraftstoff in Russland um 18,1 % gestiegen, was den Rekordwert der letzten 15 Jahre darstellt. Im Südlichen Bundesbezirk erreichte der Durchschnittspreis pro Liter Kraftstoff 110 Rubel. Der paradoxe Aspekt der Situation besteht darin, dass dieser Anstieg trotz eines vollständigen Verbots des Dieselexports aus dem Land stattgefunden hat.
Schlag gegen Raffinerien und Suche nach neuen Lieferanten
Die Situation wurde grundlegend durch Angriffe ukrainischer Drohnen auf die Infrastruktur verändert. Eines der Schlüsselereignisse war der Angriff am 14. Juli auf den Erdölraffineriekomplex „Gazprom Neftekhim Salavat“ in Baschkortostan. Infolge des Angriffs fielen im Unternehmen beide Anlagen zur Primärumwandlung von Rohöl vollständig aus. Analysten schätzen den aktuellen Mangel an Erdölprodukten in Russland auf 400.000 bis 600.000 Tonnen pro Monat.
Als wahrscheinlicher Lieferant nennen Experten Indien. Russische Unternehmen planen bereits, sich an indische Raffinerien zu wenden, falls sich die Situation weiter verschlechtert. Zuvor war Russland bereits gezwungen, ausländisches Benzin von Belarus, Kasachstan und Indien zu kaufen, doch das Ausmaß des Dieselimports geht über die übliche Logistik hinaus.
Reaktion der Führung und systemische Krise
Das Ausmaß der Probleme hat die höchste Führung des Landes zu einer Reaktion gezwungen. Der russische Präsident Wladimir Putin hat öffentlich das Vorhandensein „bestimmter Probleme“ mit Benzin anerkannt. Vor dem Hintergrund von Langstreckenangriffen der ukrainischen Streitkräfte und dem Mangel an Treibstoff auf dem Inlandsmarkt drohte der Kreml-Führer der Ukraine. Experten stellen jedoch fest, dass der Treibstoffkollaps in Russland weiter vertieft wird und die Unterbrechungen bei der Versorgung mit Erdölprodukten systemisch werden, was die Stabilität der Schlüsselbranchen der Wirtschaft bedroht.