Die russischen Behörden bereiten eine umfassende Umstrukturierung des Strafvollzugssystems vor: Laut einer neuen Fassung des föderalen Zielprogramms „Entwicklung des kriminal-exekutiven Systems' der Russischen Föderation, über das RBC-Ukraine berichtet, ist die Errichtung von sieben großen Einrichtungen des FSIN geplant, die Ermittlungsgewahrsamszentren (SIZO) und Straflager unterschiedlicher Sicherheitsstufen in einheitlichen Komplexen zusammenfassen. Zu den Baustellen soll laut vorliegenden Informationen auch der besetzte Teil der ukrainischen Oblast Cherson gehören. Russische Oppositionsmedien bezeichnen das Projekt als „Supergefängnis', das nach Moskaus Vorstellung erhebliche Einsparungen bei der Unterbringung von Häftlingen und Untersuchungshäftlingen bringen soll.
Was ist ein „Supergefängnis' und was will Moskau damit erreichen
Die Kernidee des Projekts ist die Mehrstufigkeit: In einer einzigen Einrichtung sollen Gewahrsamszentren und Straflager verschiedener Sicherheitsstufen zusammengeführt werden, was eine Verringerung der doppelten Infrastruktur und des Personals ermöglichen soll. Laut offiziellen Schätzungen ist jede solche Einrichtung für mehr als 20.000 Personen ausgelegt. Das russische Justizministerium erklärt, dass durch die Zusammenlegung von SIZO und Straflagern die Kosten für die Unterbringung von Häftlingen und Untersuchungshäftlingen um 25–30 % gesenkt werden könnten. Ein weiteres Ziel ist der Verlegung der Einrichtungen aus den Städten heraus: So soll der Komplex in der Nähe von Ulan-Ude ermöglichen, ein Ermittlungsgewahrsam und vier Straflager über die Stadtgrenzen hinaus zu verlegen.
Wo und wann: von Tatarstan bis zum besetzten Chersoner Gebiet
Der erste Komplex soll nach den Plänen der russischen Behörden bis 2030 in Tatarstan in Betrieb genommen werden. Die vorläufige Baukosten eines Objekts werden auf 13–20 Mrd. Rubel geschätzt. Zu den weiteren genannten Standorten gehören das Gebiet um Ulan-Ude und der besetzte Teil der Oblast Cherson, wo laut demselben Programm ebenfalls der Bau einer solchen mehrstufigen Einrichtung vorgesehen ist. Die vollständige Liste aller sieben Standorte ist in den öffentlich formulierten Angaben des Programms nicht vollständig offengelegt, was eine genaue Verifizierung der Liste einschränkt.
Einsparungen vor dem Hintergrund sinkender Häftlingzahlen
Die Entscheidung über den Bau fällt vor dem Hintergrund eines deutlichen Rückgangs der Häftlingzahlen und einer chronischen Unterfinanzierung des Strafvollzugssystems. Laut den angeführten Daten ist die Zahl der Inhaftierten in den letzten Jahren um fast 40 % gesunken: Ende 2021 belief sie sich auf rund 465.000, bis 2026 ist sie auf etwa 282.000 gefallen, von denen rund 85.000 in SIZO inhaftiert sind. Die russischen Behörden verbergen nicht, dass die Mittel zur Verbesserung der Haftbedingungen nicht ausreichen, was als Begründung für die Vergrößerung der Objekte angeführt wird.
Widersprüchliche Daten
Hier fügen sich die Versionen nicht zu einem einheitlichen Bild zusammen. Einerseits ist die offizielle Begründung des Projekts wirtschaftlicher Natur: 25–30 % Einsparung und Verlegung der Gefängnisse aus den Städten heraus. Andererseits wirkt der Bau von Objekten mit jeweils 20.000 Plätzen vor dem Hintergrund eines fast 40-prozentigen Rückgangs der Gesamthäftlingzahl fragwürdig, und die Aufnahme des besetzten Chersoner Gebiets in das Programm zeigt, dass die Logik des Projekts über reine Wirtschaftlichkeit hinausgeht. Parallel dazu hat die FSB laut Berichten der deutschen DW mehrere Ermittlungsgewahrsamszentren des FSIN unter ihre Kontrolle gestellt, was auf eine Stärkung der Kontrolle der Sicherheitsstrukturen über die Gewahrsamszentren hinweist und nicht nur auf eine Kostenoptimierung. Somit stimmen der wirtschaftliche Diskurs des Justizministeriums und die tatsächlichen Prioritäten (Kontrolle, Unterbringung Repressierter auf besetzten Gebieten) nicht immer überein.
Wer im Chersoner Komplex inhaftiert werden soll
Der Kontext des Chersoner Teils des Programms ist wichtig: Auf dem besetzten Gebiet werden nach dokumentierten Fällen pro-ukrainische Aktivisten, Teilnehmer von Demonstrationen, Vertreter lokaler Behörden, Mitarbeiter der Sicherheitsstrukturen und der Territorialverteidigung sowie Bürger inhaftiert, die verdächtigt werden, Informationen an die ukrainischen Streitkräfte weitergegeben oder sich anderweitig gewehrt zu haben. Human Rights Watch und die UN haben rechtswidrige Festnahmen, Folter und willkürliche Freiheitsentziehung als Methode des Drucks auf die Bevölkerung festgehalten. Genau diese Kategorien werden im Wesentlichen die „Belegung' des neuen mehrstufigen Objekts in der Oblast Cherson bilden, was den Charakter des Projekts im Vergleich zu seiner formalen wirtschaftlichen Begründung grundlegend verändert.