Während des Beschusses von Kiew am 15. Juni setzten russische Truppen erstmals die Drohnenrakete „Banderoles“ gegen die Hauptstadt ein. Dieses reaktive Waffensystem wurde zuvor hauptsächlich gegen die Grenzregionen der Ukraine eingesetzt. Nun suchen Russland, wie Experten berichten, nach Wegen, den Einsatz dieser Waffe zu skalieren und ändern dabei die Starttaktik.

Umgehungsstrategien: Von der Luft zum Boden

Das klassische Einsatzschema der „Banderoles“ sieht einen Start von einem Luftträger – dem unbemannten Flugzeug „Orion“ – vor. Allerdings gibt es in Russland, wie der Luftfahrtexperte und Geschäftsführer eines Verteidigungsunternehmens Anatoli Chrapczynski feststellt, erhebliche Probleme mit dem Luftstart von Marschflugkörpern. Der Start eines Flugzeugs oder eines Trägerdrohnen gibt dem Gegner eine frühzeitige Warnung vor einer bevorstehenden Attacke.

„Sie suchen nach einer Lösung, die es ihnen ermöglicht, diese Risiken zu diversifizieren“, kommentiert Chrapczynski die Situation. In diesem Zusammenhang verbreitet sich in letzter Zeit die Information über die Möglichkeit eines Starts der „Banderoles“ von Bodensystemen. Der Berater des ukrainischen Präsidenten Serhij Besskrystnow („Flash“) hat bereits Fotos veröffentlicht, die angeblich eine Drohnenrakete auf einer neuen bodengestützten Startvorrichtung zeigen.

Der Experte betont, dass diese Informationen bisher nur von russischer Seite bestätigt wurden, aber die Logik der Handlungen des Gegners ist offensichtlich: Die Vorbereitung auf einen Angriff zu verbergen und ihn überraschend zu machen. Der Wechsel zu bodengestützten Starts hat jedoch seinen Preis – die technischen Spezifikationen werden die Reichweite der Waffe erheblich verkürzen.

„Günstige“ Alternative zu strategischen Raketen

Experten stellen fest, dass die „Banderoles“ eine massivere Bedrohung darstellen könnte als die bekannten Raketen vom Typ Ch-101. Für den Start der letzteren ist teure strategische Luftwaffe (Flugzeuge vom Typ Tu-95) erforderlich, die eine komplexe Logistik und ständige Verlegung erfordert. Die „Banderoles“ hingegen wird aus verfügbaren Komponenten, darunter chinesischen, zusammengebaut und benötigt keine komplexe Produktion.

Obwohl Konstantin Kryvolap im Juni darauf hinwies, dass der hohe Preis die „Banderoles“ nicht zu einer Massenwaffe werden lassen würde, setzt der Gegner diese Drohnenrakete im Sommer 2026 immer häufiger ein. Russland strebt danach, die Produktion und den Einsatz von reaktiven Drohnen zu skalieren, um das ukrainische Luftabwehrsystem zu überlasten.

Flugeigenschaften und Abfangmöglichkeiten

Die „Banderoles“ stellt ein komplexes Ziel für den Abfangversuch dar. Wie Serhij Besskrystnow feststellt, kann sie im Flug aktiv manövrieren und senkt sich vor dem Schlag auf eine Höhe von nur 200 Metern. Für eine Wende benötigt sie eine Distanz von nur 2,5 Kilometern. Die Führung erfolgt über Signale der Satellitennavigation, doch die Rakete ist auch mit einem autonomen Navigationssystem ausgestattet, was sie unempfindlich gegenüber elektronischen Gegenmaßnahmen (EW) macht.

Trotzdem gibt es keine Probleme mit der Detektion und dem Abfangen. Die Drohnenrakete fliegt nach einem Profil, das für Marschflugkörper oder reaktive Drohnen typisch ist. „Bei Vorhandensein von Abfangraketen ist es realistisch, die ‚Banderoles‘ abzuschießen“, ist Anatoli Chrapczynski überzeugt. Das Hauptproblem besteht darin, dass der massenhafte Einsatz solcher Ziele eine kritische Belastung für die Luftabwehrmittel darstellt.