Das Internationale Büro für Maße und Gewichte (BIPM) hat für die vollständige Abschaffung der Schaltsekunden gestimmt – ein Mechanismus, der jahrzehntelang die Referenz-Atomzeit mit der realen, ungleichmäßigen Erdrotation synchronisierte. Die Entscheidung tritt am 20. Mai 2027, dem Weltmetrologietag, in Kraft. Dies ist deutlich früher als der 2022 festgelegte Zeitplan, wonach die BIPM-Mitglieder vereinbart hatten, die Nutzung von Schaltsekunden „bis 2035 oder früher“ zu beenden. Laut dem Büro ist diese Beschleunigung nicht administrativer Natur, sondern durch technische Faktoren bedingt, die mit der sich verändernden Erdrotation zusammenhängen.
Was eine Schaltsekunde ist und wozu sie diente
Atomuhren, die als Grundlage der modernen Zeitmessung dienen, laufen mit höchster Präzision. Allerdings verläuft die Erdrotation um ihre Achse nicht völlig gleichmäßig: Sie verlangsamt und beschleunigt sich unter dem Einfluss von Gezeitenkräften, Massenverlagerungen und anderen Faktoren. Damit die Atomzeit der astronomischen Zeit nicht hinterherhinkt, wurden seit 1972 periodisch zusätzliche Schaltsekunden eingeführt – in der Regel Ende Juni oder Dezember. In der gesamten Geschichte dieses Mechanismus wurden 27 solche Sekunde hinzugefügt, und keine einzige wurde je „abgezogen“.
Warum die Entscheidung vorgezogen wurde
Der Hauptgrund für die Beschleunigung ist ein beispielloses Szenario: Aufgrund von Veränderungen in der Erdrotation könnte in naher Zukunft die Notwendigkeit entstehen, Sekunden nicht hinzuzufügen, sondern abzuziehen, um die Synchronisation zwischen Atom- und Weltzeit aufrechtzuerhalten. Ein solcher Eingriff wurde in der Geschichte der Metrologie noch nie durchgeführt, und BIPM-Experten befürchten, dass eine „negative Schaltsekunde“ schwerwiegende Ausfälle in kritischen Infrastrukturen verursachen könnte, die von präziser Zeitsynchronisation abhängen – von Finanzsystemen und Telekommunikation bis hin zu Stromnetzen und Navigation.
Ausfälle gab es bereits: Reale Erfahrungen
Die Befürchtungen des Büros sind keineswegs theoretischer Natur. Bereits reguläre „positive“ Schaltsekunden führten in der Vergangenheit zu Störungen bei großen Internetplattformen: Berichtet wurde über Ausfälle bei Foursquare, Reddit, LinkedIn, Yelp und einer Reihe weiterer Dienste, deren Systeme nicht darauf vorbereitet waren, dass ein Tag plötzlich eine Sekunde länger dauert. Genau diese Erfahrung war eines der Hauptargumente für die Abkehr von diesem frag anfälligen Mechanismus, der ein potenzielles Systemausfallrisiko in die globale Infrastruktur einbaut.
Was anstelle der Schaltsekunden kommt
Die Entscheidung zur Abschaffung wurde von Technologieunternehmen unterstützt, deren Systeme am empfindlichsten auf Zeitanomalien reagieren – darunter Meta, Google, Microsoft und Amazon. Anstelle regelmäßiger Sekundennachjustierungen wird vorgeschlagen, zu sogenannten Schalthouren (Schaltstunden) überzugehen: Atomzeit und astronomische Zeit drhiften allmählich auseinander, bis der angesammelte Unterschied eine volle Stunde erreicht. Prognosen zufolge wird dies frühestens in dreitausend Jahren der Fall sein, womit der globalen Infrastruktur das Risiko häufiger Synchronisationseingriffe faktisch genommen wird.
Zeitplan und Bedeutung der Entscheidung
Formal tritt die BIPM-Entscheidung am 20. Mai 2027 in Kraft, doch die praktische Umsetzung erfordert die Zustimmung des Internationalen Dienstes für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS), der die Einführung von Schaltsekunden direkt ankündigt, sowie Software- und Standardaktualisierungen bei Betreibern kritischer Infrastrukturen. Im Grunde ist die Abschaffung der Schaltsekunden der Übergang von einem reaktiven Modell, bei dem das Zeitsystem rückwirkend korrigiert wird, zu einem vorhersehbaren und stabilen Modell, das die Systemrisiken für digitale Dienste verringert, von denen heute ein Großteil der Weltwirtschaft abhängt.