In die neurologische Abteilung des medizinischen Netzwerks «Dobrobut» wurde ein 34-jähriger Soldat eingeliefert, der plötzlich die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte. Der Mann versuchte Wörter zu formulieren, brachte statt einer zusammenhängenden Rede jedoch nur unverständliche Laute hervor. Dabei waren die Beweglichkeit von Armen und Beinen sowie die Muskelkraft vollständig erhalten. Die Kollegen führten die Sprachstörung zunächst auf starken Stress zurück, doch eine detaillierte Untersuchung ergab einen ischämischen Schlaganfall. Die Neurologin Natalia Owsjannikowa, Chefärztin der neurologischen Abteilung des stationären Bereichs von «Dobrobut», erzählte gegenüber Wave RBC.UA, dass zu den Faktoren, die den Zustand des Patienten beeinflussten, arterielle Hypertonie gehörte sowie die Tatsache, dass der Soldat in den Wochen zuvor bei einem Kampfeinsatz nicht immer die Möglichkeit hatte, verordnete Medikamente rechtzeitig einzunehmen und ausreichend Wasser zu trinken. Nach einer Behandlung verbesserte sich der Zustand des Mannes allmählich: Nach einigen Monaten gab es keine merklichen Folgen des Schlaganfalls mehr.

Schlaganfall ist keine «Krankheit Älterer» mehr

Nach Angaben der World Stroke Organization (WSO) aus dem Jahr 2025 werden weltweit jährlich etwa 12 Millionen Fälle dieser Erkrankung registriert — das sind rund 23 Schlaganfälle pro Minute. Dabei entfallen etwa 53% der Fälle auf Personen unter 70 Jahren und rund 15% auf die Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen. In der Ukraine erleiden laut Angaben des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2022 jährlich mehr als 100.000 Menschen einen Schlaganfall, und etwa ein Drittel von ihnen ist jünger als 65 Jahre. Die Praxis von «Dobrobut» bestätigt diesen Trend: In den letzten drei Monaten wurden im Netzwerk 28 Patienten mit ischämischem Schlaganfall behandelt, fünf davon waren unter 60 Jahre alt — fast 18% der Gesamtzahl.

Unauffällige Entwicklung: Warum Symptome ignoriert werden

Die Gefahr von Gefässerkrankungen liegt darin, dass sie sich lange Zeit fast unbemerkt entwickeln können. Der Mensch arbeitet weiter, geht gewohnten Tätigkeiten nach und fühlt sich wohl, ohne zu ahnen, dass seine Blutgefässe und sein Herz-Kreislauf-System bereits Aufmerksamkeit erfordern. Owsjannikowa nennt einen weiteren Fall aus der Praxis: Bei einer Patientin trat eine Taubheit im Arm auf, die sich allmählich bis zur Schulter ausbreitete und teilweise das Bein betraf. Die Symptome schienen der Frau nicht schwerwiegend genug zu sein, um sofort Hilfe zu suchen, doch aufgrund ihres hohen Blutdrucks vereinbarte sie dennoch einen Termin. Eine Untersuchung ergab eine Hirnblutung. Die Patientin wurde ins Krankenhaus eingeliefert und medizinisch versorgt; die Situation endete glücklich.

Risikofaktoren, die man beeinflussen kann

Ein Teil der Risikofaktoren hängt nicht vom Menschen ab — Alter und Vererbung. Es ist jedoch durchaus realistisch, auf eine Reihe anderer Einfluss zu nehmen. Rauchen wirkt sich negativ auf die Gefässe aus und fördert die Blutgerinnung. Alkohol kann Blutdruckspitzen und Herzrhythmusstörungen auslösen sowie die Schlafqualität und den Stoffwechsel verschlechtern. Die Ärztin betont: Es gibt keinen nachgewiesenen Nutzen eines Glases Wein zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und Alkohol sollte nicht als Schutzmittel gegen Schlaganfall angesehen werden. Chronischer Stress, ständiger Luftalarm, Schlafstörungen, körperliche Erschöpfung und unregelmässige Ernährung — all dies verschlimmert bereits bestehende Risikofaktoren: es erhöht den Blutdruck, stört den Schlaf und verleitet zu schlechten Gewohnheiten. Ein separates Problem sind verschobene Arztbesuche: Wenn eine Person ständig mit Arbeit oder Freiwilligenarbeit beschäftigt ist, geraten Vorsorgeuntersuchungen in den Hintergrund.

Was zu tun ist: Empfehlungen der Neurologin

Natalia Owsjannikowa rät, den Blutdruck periodisch zu messen, auf das Körpergewicht und das Maß an körperlicher Aktivität zu achten und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie einen individuellen Präventionsplan mit einem Spezialisten zu besprechen. Ein Schlaganfall hat nicht immer offensichtliche Symptome: Das erste Anzeichen kann eine plötzliche Sprachstörung, Taubheit der Gliedmaßen oder Sehstörungen sein. Unter Bedingungen von ständigem Stress und körperlicher Erschöpfung ist es besonders wichtig, solche Anzeichen nicht zu ignorieren und rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen.