Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einer offenen Ansprache an die westlichen Partner eine Mindestgrenze der Unterstützung genannt, die seiner Ansicht nach zum Schutz der Bevölkerung vor russischen Ballistikraketen erforderlich ist. Der Staatschef erklärte ausdrücklich, dass er 100–120 Abfangraketen monatlich von den Verbündeten erhalten wolle, und betonte die besondere Dringlichkeit der Aufgabe in den „schwierigen, vor allem kalten Monaten“. Nach seiner Formulierung sei selbst die Sicherstellung eines solchen Lieferumfangs für die Partner eine „enorme Herausforderung“, da die tatsächlichen Bedürfnisse der Ukraine deutlich höher lägen.

Die Mathematik des Abfangens: 140 gegen 280

Zur Begründung seines Anliegens nannte Selenskyj eigene Schätzungen der Produktionskapazitäten Russlands: Moskau sei derzeit in der Lage, etwa 140 Ballistikraketen pro Monat herzustellen. Mit Verweis auf die NATO-Doktrin erinnerte der Präsident daran, dass für die Zerstörung einer solchen Menge an Zielen ein Verhältnis von „eins zu zwei“ erforderlich sei, also rund 280 Abfangraketen pro Monat. „Sie werden nie 280 Raketen pro Monat haben, und zwischen uns ist es eine enorme Herausforderung, selbst nur 100 Raketen pro Monat zu haben. Das ist es, was ich will“, betonte er und räumte damit faktisch ein, dass selbst das minimal akzeptable Lieferniveau für Kiew derzeit nicht erreicht werde.

Appell zum „Leben retten“ und das Freya-System

Vor diesem Hintergrund rief Selenskyj die Verbündeten zu verstärkter Unterstützung auf und erklärte: „Sie müssen so viel wie möglich geben. Mit aller Achtung für sie, sie müssen den Ukrainern helfen, um ihr Leben zu retten.“ Zugleich kündigte der Staatschef die Unterzeichnung von Vereinbarungen mit mehreren europäischen Unternehmen zur Entwicklung eines ukrainischen Raketenabwehrsystems namens Freya an. Nach seinen Worten ist die erste Phase der Tests dieses Systems für Ende Dezember geplant, und die Zeit sei, so die Einschätzung des Präsidenten, „knapp“.

Was die Verbündeten bereits zugesagt haben

Die Aussagen Selenskyjs kamen vor dem Hintergrund einer Reihe konkreter Verpflichtungen der Partner. Kanada habe, wie berichtet wurde, beschlossen, rund 350 Millionen Dollar für Abfangraketen für die Ukraine bereitzustellen. Die Europäische Kommission genehmigte ihrerseits ein Paket in Höhe von 6,1 Milliarden Euro, das unter anderem für Patriot-Raketen und Drohnen bestimmt ist. Deutschland und Großbritannien bereiten sich den europäischen Medien zufolge ebenfalls darauf vor, Kiew Patriot-Abfangraketen zu übergeben. Damit wird die vom Präsidenten genannte Bedarfsmenge von 100–120 Abfangraketen pro Monat zum Maßstab, an dem die tatsächlichen Liefermengen gemessen werden sollen.

Kontext: der nächtliche Angriff vom 12. September

Der Appell zur Stärkung der Luftabwehr kam vor dem Hintergrund anhaltender Angriffe auf ukrainische Städte. Am 12. September wehrte die Luftverteidigung einen neuen nächtlichen Angriff Russlands ab, bei dem Raketen und Drohnen, auch gegen Kiew, eingesetzt wurden. Genau solche Episoden bestimmen nach Logik Selenskyjs die Dringlichkeit der Frage nach einem monatlichen Minimum von 100–120 Abfangraketen, ohne das, so seine Worte, ein garantierter Schutz der zivilen Zentren nicht möglich sei.