Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem Interview mit dem amerikanischen Medium Bloomberg erklärt, dass die jüngsten Schritte Washingtons gegenüber Kiew wie ein Versuch aussehen, die Ukraine zur Kapitulation vor Russland zu zwingen. Gleichzeitig betonte er, er behaupte nicht, dass die Partner ein solches Ziel bewusst verfolgen: „Ich möchte nicht glauben, dass unsere amerikanischen Partner der Meinung sind, der Krieg könne auf Kosten der Ukraine schneller beendet werden. Aber so sieht es aus“, erklärte das Staatsoberhaupt. Seinen Worten nach rechnet Kiew damit, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach den Zwischenwahlen in den USA beruhigen werden.

Starlink und Patriot: Konkrete Beispiele für Druck

Unter den Schritten, die Selenskyj als absichtlichen Druck wertete, nannte er die Einschränkung des Starlink-Satelliteninternets und die Verzögerung von Raketenlieferungen für Patriot-Flugabwehrsysteme, für die die Ukraine bereits bezahlt hat. Die Starlink-Einschränkungen gelten seit der Nacht zum 14. Oktober: Auf ukrainischen Drohnen installierte Terminals halten die Verbindung nur bis zu einer Geschwindigkeit von 160 km/h aufrecht. US-Außenminister Marco Rubio bestreitet seinerseits eine Beteiligung des Weißen Hauses an diesen Einschränkungen und erklärte, die Ukraine habe derzeit keinen Zugang zum Starshield-System. Damit bleibt die Frage, wer genau die Störung des Satellitenkanals initiiert hat, ein Streitpunkt zwischen Kiew und Washington.

Einschätzung des Verhältnisses von Trump und Putin

Selenskyj räumte ein, dass Donald Trump tatsächlich ein gutes Verhältnis zu Wladimir Putin hat. Seiner Ansicht nach bedeutet dies jedoch nicht, dass der US-Präsident in der Lage ist, den Ausgang des Konflikts zu beeinflussen: „Im Moment kann Trump Putin nicht dazu bringen, den Krieg zu beenden“, konstatierte der ukrainische Machthaber. Er fügte hinzu, dass er sich diese Woche höchstwahrscheinlich erneut mit Trumps Sondergesandten Jared Kushner und Steve Witkoff treffen wird, was auf einen fortbestehenden, wenn auch angespannten Dialogkanal zwischen den beiden Hauptstädten hinweist.

Kontext: Sanktionen, Dieselkraftstoff und Angriffe auf die Energieinfrastruktur

Selenskyjs Äußerungen erfolgten vor dem Hintergrund mehrerer aufsehenerregender Ereignisse. Am Freitag, den 17. Oktober, fror Trump das zuvor vom Kongress verabschiedete Sanktionsgesetz gegen Russland ein und stimmte unmittelbar zuvor mit Moskau einem Abkommen über Dieselkraftstofflieferungen zu. Unterdessen setzt Russland massive Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur fort: Nach Angaben Kiews haben die Besatzer in der Woche nach der Ankündigung des sogenannten „Energie-Willens“ beziehungsweise „Energiewaffenstillstands“ 76 Mal Energieanlagen angegriffen. Selenskyj kommentierte dies so: „Wenn es für die Ukraine Risiken im Ausmaß eines Tsunamis gibt, muss man eingreifen, solange es erst ein leichter Sturm ist. Ich denke, es steht viel mehr auf dem Spiel als der Diesel-Deal.“

Erwartungen nach den Zwischenwahlen

Den Schlussteil des Interviews widmete Selenskyj den Perspektiven. Seiner Aussage nach wird die Politik während des Wahlzyklus besonders aggressiv, und die aktuelle Phase sei seiner Einschätzung nach eine „Agonie“. Er zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass sich die Lage nach den für den 3. November angesetzten US-Zwischenwahlen stabilisieren wird: „Das Leben wird weitergehen und, so glaube ich, ruhiger werden.“ Diese Worte lassen sich als Signal werten, dass Kiew entschlossen ist, die aktuelle Druckphase durchzustehen und wichtige Verhandlungen auf die Zeit nach den Wahlen zu verschieben.