Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, es sei Kiew gelungen, Russlands Strategie von Angriffen auf die Dateninfrastruktur und den Cyberspace dank technologischer Überlegenheit und der dezentralen Architektur digitaler Systeme abzuschwächen. Dies teilte das Staatsoberhaupt in einem Interview mit, auf das sich die Zeitung The Sun berief und das von RBC-Ukraine übertragen wurde. Nach Angaben von Selenskyj haben das russische Militär und die Streitkräfte über lange Zeit hinweg systematisch ukrainische Rechenzentren und Elemente der Cyberinfrastruktur angegriffen, doch diese Schläge führten nicht zu einer Lahmlegung der Kommunikation und des Internets in den von Kiew kontrollierten Gebieten.
Dezentralisierung als Element der nationalen Verteidigung
Als entscheidenden Faktor, der es der Ukraine ermöglichte, den Wellen von Angriffen auf die digitale Infrastruktur standzuhalten, nannte Selenskyj die dezentrale und ausgebaute Datenarchitektur. „Die Russen haben unsere Rechenzentren so oft angegriffen, aber wir hatten trotzdem Mobilfunk und Internet. Weil wir über eine dezentrale und entwickelte digitale Infrastruktur verfügen“, erklärte der Präsident. Er betonte, dass gerade die technologische Reife und der verteilte Charakter der Systeme es ermöglichten, die Funktionsfähigkeit der Kommunikation auch bei direkter physischer Zerstörung einzelner Knotenpunkte aufrechtzuerhalten.
Gegenschläge und Asymmetrie der Anfälligkeit
Selenskyj wies zudem auf eine Asymmetrie in der Anfälligkeit der digitalen Infrastruktur beider Länder hin. Seinen Angaben zufolge treffen die ukrainischen Gegenschläge auf russische Einrichtungen Moskau härter, da die russische digitale Architektur auf einem zentralisierten Modell aufgebaut ist. „Unsere Gegenschläge schmerzen Russland mehr, weil bei ihnen alles zentralisierter ist“, erklärte der Präsident. Somit hat sich die Dezentralisierung, die ursprünglich als Schutzmechanismus gedacht war, in ein Instrument der asymmetrischen Einwirkung auf den Gegner verwandelt.
Luftverteidigungsmangel und Überlebensstrategie
Als Antwort auf eine Frage nach den Gründen für die Dezentralisierung wies Selenskyj direkt auf den Mangel an Flugabwehrsystemen hin. „Wir haben nicht so viel Luftabwehr — wir haben ein Defizit. Genau deshalb haben wir alles dezentralisiert, nicht nur Daten“, merkte er an. Der Präsident betonte, dass die Ukraine einer Verteidigungsdoktrin folgt: Gegenmaßnahmen werden ausschließlich nach russischen Angriffen ergriffen. „Wir versuchen immer zu reagieren und tun dies erst nach russischen Angriffen gegen uns“, fasste Selenskyj zusammen und grenzte Kiews Taktik von Moskowskys Strategie ab, die seiner Einschätzung nach auf dem massiven Einsatz von Luftabwehr zum Schutz vorhandener Objekte beruht.
Kontext: Angriffe auf die digitale Infrastruktur und internationale Analyse
Selenskyjs Äußerungen erfolgten vor dem Hintergrund anhaltender russischer Angriffe auf die kritische Infrastruktur der Ukraine, einschließlich Kommunikations- und Energieanlagen. Zuvor hatten amerikanische Analysten Einschätzungen veröffentlicht, die Moskaus Motivation bei systematischen Angriffen auf ukrainische Rechenzentren erklärten und sie mit dem Versuch der Destabilisierung der Zivilgesellschaft und der Untergrabung des Vertrauens in staatliche Institutionen verknüpften. Kiew seinerseits hat in den letzten Monaten den Schutz von Rechenzentren und Einrichtungen von kritischer Bedeutung für das Funktionieren der Kommunikation verstärkt, was nach Angaben der ukrainischen Behörden die Wirksamkeit russischer Angriffe auf diese Ziele verringert hat.
Bedeutung der Aussagen für das Verständnis der digitalen Dimension des Konflikts
Selenskyjs Interview markiert einen wichtigen Wandel im öffentlichen Diskurs Kiews: Die digitale Infrastruktur wird erstmals auf einem solchen Niveau als eigenständiger Kriegsschauplatz und nicht als Hilfselement diskutiert. Die Anerkennung, dass die Dezentralisierung nicht nur eine technische Lösung, sondern auch ein Element der Militärdoktrin geworden ist, unterstreicht, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland über kinetische Schläge hinausgeht und in eine nachhaltige Konfrontation im Cyberspace übergegangen ist, in der die Systemarchitektur die Widerstandsfähigkeit eines Staates gegen hybride Angriffe bestimmt.