Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat im Rahmen eines Treffens mit Journalisten ausführlich über die internen Vorgänge bei den Personalwechseln im Verteidigungssektor berichtet, die zum Rücktritt des Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow führten. Der Staatschef räumte ein, dass hinter den weitreichenden Entscheidungen ein langwieriger Konflikt zwischen dem Verteidigungsministerium und dem militärischen Kommando stand, in dem sich, wie er sagte, Fragen der Befugnisverteilung, bürokratische Machtkämpfe und persönliche Ambitionen vermischt hätten. Selenskyj betonte, dass er Fedorow vor seiner Entlassung viermal angeboten habe, in der Präsidentschaftsmannschaft weiterzuarbeiten, der ehemalige Minister jedoch alle Angebote ausgeschlagen habe.

»Kriegsministerium«: die Präsentation, die Selenskyj vergessen ließ

Laut Präsident gab es bereits zu Beginn von Fedorows Amtszeit als Minister eine mündliche Vereinbarung über eine klare Aufteilung der Zuständigkeiten: Das Verteidigungsministerium stelle der Armee die Ressourcen zur Verfügung, das militärische Kommando führe die Truppen und steuere die Operationen. Allerdings, so Selenskyj, habe Fedorow später eine Präsentation zur Gründung eines sogenannten »Kriegsministeriums« ausgearbeitet, in der der Chef des Generalstabs faktisch dem Verteidigungsministerium unterstellt gewesen wäre. »Ich habe ihn gleich am Anfang angerufen und gesagt: »Kriegsministerium, wenn es keinen Oberbefehlshaber gibt, und der Generalstabschef faktisch unter dir steht – diese Präsentation vergessen Sie««, zitiert RBC-Ukraine Selenskyj. Fedorow habe geantwortet, die Position des Präsidenten verstanden zu haben, doch anschließend nach Umgehungs Wegen gesucht, um ein ähnliches Kontrollmodell über das militärische Kommando zu verwirklichen.

Bürokratischer Machtkampf und das Angebot, »beide ehrlich zu entlassen«

Selenskyj schilderte die Eskalation des Konflikts: Das militärische Kommando habe, so der Präsident, auf die Maßnahmen des Verteidigungsministeriums mit eigenen bürokratischen Entscheidungen reagiert, was einen Teufelskreis gegenseitigen Sabotages geschaffen habe. Am Vorabend der Personalentscheidungen, kurz vor dem Treffen des Präsidenten mit den Abgeordneten, habe Fedorow laut Selenskyj offen erklärt: »Nun, dann lass uns beide ehrlich entlassen«. Der Präsident bestätigte, dass eine Entscheidung getroffen werde, aber »konsequent« – er wolle nicht gleichzeitig den Verteidigungsminister und den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte im Zuge eines vollumfänglichen Krieges wechseln. Selenskyj hob zudem hervor, dass er zwei Wochen vor der finalen Entscheidung Fedorow und Oleksandr Syrskyj angeboten habe, sich zu treffen und die Sache untereinander zu regeln, doch das Treffen habe nicht stattgefunden. »Man darf es nicht zu einem Konflikt kommen lassen, wenn sie nicht einmal miteinander reden, und dann sagen beide noch, es habe keinen Konflikt gegeben«, stellte der Präsident fest.

Vier Angebote und vier Absagen

Selenskyj erklärte, dass er keinen Groll gegen Fedorow hege und dessen Beitrag, insbesondere im Bereich der Digitalisierung des Verteidigungsressorts, hoch schätze. »Ich habe wirklich sehr positiv zu Mychajlo gestanden und stehe es noch. Wir haben viel gemeinsam durchgemacht. Aber ich bin der Meinung, dass er selbst in die falschen Dinge geht – ob man ihn dazu treibt oder nicht«, sagte der Präsident. Nach seinen Worten habe er nach der Entlassung viermal verschiedene Optionen für eine weitere Mitarbeit in der Mannschaft angeboten, doch der ehemalige Minister habe jedes Mal abgelehnt. »Mychajlo hat alle vier Angebote ausgeschlagen. Nun ja, das ist seine Wahl«, fasste Selenskyj zusammen, ohne den konkreten Inhalt der Angebote offenzulegen.

Widersprüchliche Angaben

Zwischen den Darstellungen Selenskyjs und Fedorows selbst besteht ein deutliches Auseinanderklaffen bei der Interpretation der Rücktrittsgründe. Der Präsident wertet die Situation als systemischen Konflikt zwischen dem Verteidigungsministerium und dem militärischen Kommando wegen überschneidender Befugnisse und Fedorows Bemühungen, den Generalstabschef sich zu unterordnen. Fedorow selbst erklärte die Gründe seines Rücktritts damit, dass es nicht um einen Konflikt mit Syrskyj gegangen sei, sondern um verstärkten Druck nach Änderungen in der Arbeit des Verteidigungsministeriums, insbesondere im Bereich der Verteidigungseinkäufe und Ausschreibungen. So sieht die eine Seite den Ursprung des Problems im institutionellen Machtkampf und den Ambitionen des Ministers, die andere im externen Druck auf die Beschaffungsprozesse. Beide Versionen wurden öffentlich geäußert und von keiner der Seiten widerlegt.

Kontext: kein »Teufel«, sondern Teil einer gemeinsamen Anstrengung

Separat kommentierte Selenskyj die Kritik am militärischen Kommando und rief dazu auf, die Bewertung der Armee nicht auf einzelne Personen zu reduzieren. Er räumte ein, dass Syrskyj »Fragen« gehabt habe, erinnerte aber an die militärischen Operationen und Erfolge, die mit seinem Kommando verbunden seien. »Er ist bestimmt kein »Teufel«. Genauso hat Mychajlo seine eigenen Siege – und bedeutende. Besonders in der Digitalisierung«, erklärte der Präsident. Er betonte, dass hinter den militärischen Operationen erhebliche Anstrengungen, Risiken und der Verlust vieler Menschen stünden, und dass man nicht sagen könne, ein Führer sei nur dann stark, wenn ein bestimmter Minister vorhanden sei. »Das macht nicht einer allein und es ist auch nicht das Verdienst eines Einzigen. Und das muss man respektieren«, schloss Selenskyj.