Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat öffentlich Gerüchte über einen möglichen Wechsel des Chefs der Nationalbank der Ukraine, Andrij Pyshnyj, kommentiert. In einer Ansprache an Journalisten erklärte der Staatschef ausdrücklich, dass er keine Schritte zur Entlassung oder Absetzung des NBU-Leiters unternommen habe. „Ich habe keine Schritte zu seinem Wechsel eingeleitet. Dies ist eine unabhängige Institution. Pyshnyj ist Gouverneur der Nationalbank“, betonte Selenskyj und bestätigte damit öffentlich, dass die Frage eines Führungswechsels bei der Aufsichtsbehörde nicht als Instrument politischen Drucks in seine persönliche Beurteilung fällt.
Dissens zwischen Nationalbank und Finanzministerium
Gleichzeitig bestritt der Präsident nicht das Vorhandensein scharfer Widersprüche rund um die Tätigkeit der Aufsichtsbehörde. Nach seinen Worten stehen dem NBU-Chef schwierige Beziehungen sowohl zur Regierung als auch zu den Parlamentariern gegenüber, und es gehe nicht nur um das aktuelle Kabinett, sondern um systemische Meinungsverschiedenheiten zwischen den Positionen der Nationalbank und der Regierungsstrukturen. „Denn die Position der Nationalbank unter seiner Führung und die des Finanzministeriums sind in vielen Fragen sehr unterschiedlich“, merkte Selenskyj an und anerkannte damit faktisch, dass der institutionelle Konflikt zwischen NBU und Finanzministerium einen beständigen Charakter trägt und über die aktuelle politische Konjunktur hinausgeht.
Verzicht auf die Vermittlerrolle
Selenskyj berichtete zudem, dass er in den letzten Jahren in Situationen, in denen zwischen staatlichen Institutionen schwierige Streitigkeiten entstanden, gebeten worden sei, als Schiedsrichter aufzutreten, und er habe diese Funktion ausgeübt. Diesmal erklärte der Präsident jedoch, dass er nicht an der Herstellung des Dialogs zwischen den Konfliktparteien teilnehmen werde. Nach seinen Worten sei diese Haltung durch den Beginn von Informationskampagnen bedingt, die, so seine Auffassung, darauf abzielen, auf die Situation einzuwirken. „Aber jetzt, wo bereits verschiedene Informationskampagnen begonnen haben, die etwas beeinflussen wollen, nehme ich nicht mehr an der Gestaltung des Dialogs zwischen diesen Institutionen teil“, erklärte der Staatschef und rief die Parteien auf, sich auf die Stabilität des Staates zu konzentrieren, nicht auf informatorische Vorwände.
Kontext: Ermittlung des NABU/SAP und die Lage um die Sense Bank
Selenskyjs Kommentar erfolgte vor dem Hintergrund resonanter Ereignisse der letzten Tage. Am 19. August veröffentlichten das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Ermittlungsmaterialien zur Aufdeckung einer kriminellen Organisation, an der laut Ermittlungsbefunden Beamte des Präsidialamts sowie amtierende und ehemalige Volksabgeordnete beteiligt sind. Nach der Veröffentlichung dieser Ermittlungen rief die Werchowna Rada den NBU-Chef Andrij Pyshnyj zur Berichterstattung über die Lage um die staatliche Sense Bank. Parallel erhielt das ukrainische Finanzministerium die klare Aufgabe, den Prozess des Verkaufs der verstaatlichten Sense Bank zu beschleunigen; dabei sollen, laut geäußerten Absichten, alle erzielten Mittel zur Deckung der Bedürfnisse der Verteidigungskräfte verwendet werden.
Widersprüchliche Angaben
In der Bewertung der Situation zeichnet sich jedoch eine Abweichung in den Schwerpunkten ab. Einerseits verneint Selenskyj in direkten Aussagen kategorisch, dass er Schritte zum Wechsel Pyshnyjs eingeleitet habe, und betont die Unabhängigkeit der NBU als Institution. Andererseits lautet die Formulierung laut Bloomberg, auf die die ukrainische Presse verweist, anders — der Präsident habe „Vorwürfe“ gegen den NBU-Chef. Somit fixiert eine Version den öffentlichen Verzicht des Präsidenten auf eine Einmischung in die Personalfrage, während die andere seine Aussagen über „unterschiedliche Positionen“ von NBU und Finanzministerium als Anzeichen versteckter Vorwürfe interpretiert. Der Unterschied zwischen diesen beiden Deutungen — zwischen der formellen Verneinung der Initiative und der Feststellung eines institutionellen Konflikts — bleibt offen und von keiner der Parteien geklärt.