Präsident Wolodymyr Selenskyj gab bei der Anhörung der Militärberichte zur Verteidigung des Luftraums dem Verteidigungsministerium und den Streitkräften ein konkretes quantitatives Ziel vor: Bis zum Herbst muss die Abfangquote russischer Drohnen auf über 90 % angehoben werden. Die Aussage erfolgte vor dem Hintergrund einer beispiellosen Intensität des Drohneneinsatzes durch Russland, die laut dem Staatschef den Charakter einer systematischen Taktik zur Erschöpfung der ukrainischen Infrastruktur und Bevölkerung trägt.

Umfang der Angriffe: fast 1500 Drohnen in vier Tagen

Laut den von Selenskyj in der Sitzung genannten Daten setzte Russland allein in den letzten vier Tagen rund 1500 unbemannte Luftfahrzeuge aller Typen gegen das ukrainische Territorium ein. Davon entfielen etwa 800 auf Strahlendrohnen – die für die Abfangung schwierigste Kategorie. Der Präsident betonte, dass ein erheblicher Teil dieser Ziele von ukrainischen Kämpfern erfolgreich abgeschossen werde, die aktuelle Angriffsintensität jedoch zwinge, die Fähigkeiten der Luftabwehr zu überdenken und auszubauen. Die Taktik Moskaus bestehe laut Kiew in einem ständigen Druck: Regelmäßige massive Drohneneinsätze sollten sowohl die technischen Ressourcen der Luftabwehr als auch die psychologische Widerstandsfähigkeit der Zivilbevölkerung erschöpfen.

Strahlendrohnen: größte Schwachstelle und Luftschilde

Ein eigener Block im Bericht war das Problem der Strahlendrohnen. Selenskyj räumte ein, dass gerade sie die größte Schwierigkeit für die Abfangung darstellten: Auf der aktuellen Stufe schütze den Himmel vor Strahlzielen vor allem die Kampfflugzeuge, und nicht die Flugabwehr-Raketenkomplexe oder die Flugabwehrartillerie. Das bedeute, dass jede Abfangung einer Strahlendrohne durch die Luftfahrt mit hohen Kosten und Risiken für das Flugpersonal verbunden sei. Gleichzeitig steige Russland konsequent den Anteil der Strahlendrohnen in seinen Angriffen, um so den Rückgang der Effizienz klassischer „Scheheds“ bei massiertem Einsatz auszugleichen, wenn die Dichte des Zielstroms die Möglichkeiten traditioneller Mittel der Luftabwehr übersteige.

Vier Entwicklerfirmen und der Plan zur Skalierung der Abfangdrohnen

Die Ukraine arbeite bereits aktiv an der Entwicklung spezialisierter Abfangdrohnen zur Bekämpfung von Strahlendrohnen. Laut den in der Sitzung genannten Informationen führten vier ukrainische Unternehmen entsprechende Entwicklungen durch, wobei die erfolgreichste Technik derzeit einem von ihnen gehöre. Zuvor seien gegen Strahl-„Scheheds“ unter realen Bedingungen vier potenzielle Abfangdrohnen erprobt worden. Das Verteidigungsministerium beabsichtige, diese Entwicklungen so schnell wie möglich auf das Serienniveau zu bringen und die Produktion auf Tausende Einheiten auszubauen, um ein nachhaltiges Abfangen jedes Typs russischer Drohnen zu gewährleisten. „Maximal müssen jetzt sowohl das Verteidigungsministerium als auch die Militärs alles daransetzen, dass wir so viele Möglichkeiten wie möglich haben, jeden der Typen russischer Drohnen abzuschießen“, betonte Selenskyj.

Kontext: Mangel an Luftabwehr und Appell an internationale Partner

Die Vorgabe, im Herbst eine 90-prozentige Abfangquote zu erreichen, erfolge vor dem Hintergrund öffentlicher Erklärungen Kiews über den Mangel an Ressourcen der Luftabwehr. In den letzten Wochen hätten Selenskyj und andere Amtsträger wiederholt an westliche Partner appelliert, die Lieferungen von Luftabwehrsystemen und Komponenten für deren Wartung zu beschleunigen. Insbesondere habe Kiew nach nächtlichen Schlägen auf ukrainische Städte betont, dass das aktuelle Lieferaufkommen nicht dem Tempo und Charakter der russischen Angriffe entspreche. So bildeten die interne Aufgabe zur Entwicklung eigener Abfangdrohnen und der externe Druck auf die Verbündeten zur Beschaffung zusätzlicher Luftabwehrkomplexe eine zweistufige Strategie zum Schutz des Luftraums, deren Umsetzung nach dem Konzept der Landesführung bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll.