Vor dem Hintergrund täglicher Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben sich die Ukraine und Deutschland auf eine praktische Frage konzentriert: wie Abfangraketen für Patriot-Systeme schneller geliefert werden können. Dies erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj am 4. November nach einem Treffen mit dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius in Berlin, wo die ukrainische Delegation unter Leitung des Staatsoberhaupts am 3. November eingetroffen war. Dem Programm des Besuchs zufolge standen laut ukrainischen Medienberichten Gespräche mit der deutschen Führung über die Stärkung der Luftverteidigung und die Unterstützung des Energiesektors auf der Agenda.

Gespräche in Berlin: Energiesystem im Fokus

Selenskyj informierte Pistorius über die Lage bezüglich des russischen Beschusses kritischer Infrastruktur in praktisch allen Regionen der Ukraine. Seinen Angaben zufolge handele es sich dabei nicht um einzelne Zwischenfälle, sondern um einen systematischen Druck auf das Stromnetz, der die Frage des Abfangens von Raketen zur Priorität Nummer eins für die Winterperiode macht. Genau diese Logik legten die Seiten der Agenda des bilateralen Treffens zugrunde.

Chronischer Mangel an Abfangraketen

"Es gibt jeden Tag sehr viele Angriffe auf unsere Energiewirtschaft, und besonders schwierig ist es mit der Ballistik wegen des chronischen Mangels an Abfangraketen für 'Patriots'. Es ist wichtig, neue Lösungen zur Unterstützung des Schutzes von Menschenleben zu finden", erklärte Selenskyj. Der Präsident betonte, dass die Unterstützung Deutschlands wiederholt geholfen habe, "Tausende und Abertausende von Menschenleben zu schützen", und genau deshalb sei die Frage der Munition für Patriot in den Mittelpunkt der Verhandlungen gerückt worden.

PAC-2-Vertrag und beschleunigte Lieferungen

Ein zentraler praktischer Punkt war der Vertrag über den Kauf deutscher PAC-2-Raketen, der auf die nächsten zwei Jahre ausgelegt ist. "Wir arbeiten daran, die Lieferungen zu beschleunigen. Das würde den Ukrainern sehr helfen, diesen Winter zu überstehen", so Selenskyj. Seinen Worten zufolge haben die Parteien vereinbart, dass die jeweiligen Teams die Möglichkeit einer Beschleunigung sowie andere besprochene Positionen ausarbeiten werden.

IRIS-T, F-16 und US-amerikanisches PAC-3

Neben PAC-2 wurden bei dem Treffen auch die Lieferungen von IRIS-T-Luftverteidigungssystemen und Munition für F-16-Kampfjets besprochen. Vor diesem Hintergrund erinnert Kiew daran, dass die USA einen potenziellen Verkauf von 500 PAC-3-Abfangraketen im Gesamtwert von 2,1 Milliarden Dollar an die Ukraine genehmigt haben, diese Raketen Schätzungen zufolge jedoch erst in einigen Jahren eintreffen könnten. Daher wird die Beschleunigung des bereits geschlossenen deutschen PAC-2-Vertrags als operativeres Instrument wahrgenommen.

Kontext: Defizitzahlen

Die Gespräche in Berlin finden vor dem Hintergrund zuvor von Selenskyj genannter Daten zum Ausmaß des Munitionsmangels statt: Seinen Angaben zufolge erhielt die Ukraine im Laufe des Jahres 2026 im Durchschnitt etwa 12 Patriot-Raketen pro Monat, während der monatliche Verbrauch bis zu 35 Einheiten erreichen konnte und fehlende Abfangraketen über andere Kanäle gesucht werden mussten. Das PURL-Programm, das die Lieferung von Granaten und Munition für F-16, HIMARS, Patriot und AIM abdeckt, deckt den Bedarf teilweise ab, wobei Europa einen erheblichen Teil der Beschaffungen bezahlt hat. Genau diese Lücke zwischen Bedarf und Liefertempo macht die Frage der Beschleunigung des deutschen Vertrags zu einer kritischen Angelegenheit für die Bewältigung des Winters.