Anlässlich des 35. Jahrestages der Unabhängigkeit der Ukraine hat RBC-Ukraine ein umfassendes Sonderprojekt gestartet, das sich den Menschen widmet, die mit eigenen Händen die rechtliche und politische Architektur des Staates schufen. Im Mittelpunkt steht Leonid Kutschma und sein Jahrzehnt an der Macht. Einer der »Väter« der Verfassung von 1996, der ehemalige Justizminister Serhij Holowatyj, gab ein offenes Interview, in dem er die Ära des »Kutschmismus« neu interpretierte. Er nannte sie keine Diktatur, sondern eine Autokratie mit einem System der Checks and Balances, das das Land vor einer Rückkehr in den sowjetischen Sackweg rettete.
Dekrete gegen die »ewige Frostschicht«
Holowatyj betont, dass die Präsidentschaftszeit Kutschmas nicht einseitig bewertet werden darf. Es war eine Zeit, in der der Staatsoberhaupt das Ruder in einer Situation führte, in der in der Werchowna Rada der ersten Legislaturperiode eine absolute kommunistische Mehrheit herrschte – die sogenannte »Gruppe 239«. Die Kommunisten lehnten das Konzept des privaten Eigentums grundsätzlich ab, was Reformen im klassischen Sinne unmöglich machte.
Genau unter diesen Bedingungen, während er sich in einem Sanatorium in Truskawez erholte, entwickelte Holowatyj einen juristischen Mechanismus, der die ukrainische Wirtschaft rettete. Er schlug dem Sprecher Iwan Pljuscha die Einführung eines Instituts des delegierten Gesetzgebungsrechts vor. Am 18. November 1992 verabschiedete das Parlament eine Resolution, die der Regierung das Recht einräumte, Dekrete mit Gesetzeskraft zu erlassen. Dies ermöglichte es Kutschma und Wiktor Pynzenyk, die »ewige Frostschicht« der sowjetischen Wirtschaft zu durchbrechen und den Boden für die Einführung der nationalen Währung, der Hrywnja, zu bereiten.
Der Verfassungsvertrag und der Weg nach Europa
Nach Kutschmas Wahlsieg im Jahr 1994 blieb das politische System sowjetisch geprägt, und die Zusammensetzung der Werchowna Rada der zweiten Legislaturperiode erwies sich erneut als »rot-rosa«. Um diesen Stillstand zu überwinden, schlug Holowatyj einen Verfassungsvertrag zwischen dem Präsidenten und dem Parlament vor. Dieses am 8. Juni 1995 unterzeichnete Dokument führte eine vorübergehende Superpräsidentenform ein und verpflichtete die Parteien, innerhalb eines Jahres eine neue Verfassung zu verabschieden.
Laut den Erinnerungen Holowatyjs wurde das Dokument mit chirurgischen Instrumenten von Hand genäht, und die gelb-blauen Bänder mussten beim schwedischen Botschaftsamt angefordert werden. Ein entscheidender Moment war die Anerkennung dieses Vertrags durch die Venedig-Kommission als »Mini-Verfassung«, die das Rückgrat des sowjetischen Systems brach. Dies öffnete der Ukraine den Weg zum Europarat, und bereits am 9. November 1995 fand in Straßburg eine feierliche Zeremonie zur Hissung der ukrainischen Flagge statt.
Die »Verfassungs-Nacht« und der Vektor des Kremls
Während der Ausarbeitung der Verfassung von 1996 tobte ein scharfer Kampf zwischen dem europäischen und dem asiatischen (kremlischen) Vektor. Russland und Belarus hatten bereits ein Modell mit einem schwachen Parlament und einem übermächtigen Präsidenten angenommen, und der Kreml versuchte, dieses Modell auch der Ukraine aufzuzwingen. Als Reaktion auf den Druck und Versuche von Abgeordneten, Reformen zu blockieren, erließ Kutschma am 26. Juni 1996 einen Erlass zur Einberufung eines Referendums über den pro-präsidentiellen Entwurf. Dies schuf einen starken Anreiz für die Abgeordneten, die aus Angst, ihre Befugnisse zu verlieren, gezwungen waren, einen Kompromissentwurf der Verfassung anzunehmen, der in der berühmten »Verfassungs-Nacht« am 28. Juni bestätigt wurde.
Die Spezialoperation des Kremls gegen die Ukraine
Ein besonderes Augenmerk im Interview lag auf den Ereignissen Ende der 90er Jahre. Holowatyj behauptet, dass der »Kassetten-Skandal« und der Mord am Journalisten Heorhiy Honhadschenko nicht nur interne Probleme waren, sondern eine Spezialoperation des Kremls. Ziel dieser Ereignisse war die Isolierung Kutschmas vom Westen und die Diskreditierung der ukrainischen Staatlichkeit in den Augen der Weltgemeinschaft. Nach Ansicht des Experten wurden diese tragischen Ereignisse von externen Kräften genutzt, um die Situation in einem Land zu destabilisieren, das gerade erst seine Souveränität erlangte.
Widersprüchliche Daten
Die Frage nach der Natur des politischen Systems unter Kutschma bleibt umstritten. Während Serhij Holowatyj darauf besteht, dass es sich um eine »Autokratie mit einem System der Checks and Balances« handelte, die das Land vor dem Zusammenbruch bewahrte, charakterisieren viele zeitgenössische Politologen und Historiker diese Periode als autoritäres Regime mit Elementen des oligarchischen Kapitalismus und einer faktischen Diktatur. Die Unterschiede in den Bewertungen betreffen auch die Rolle des Kremls bei den Ereignissen des Jahres 2000: Während Holowatyj dies als direkte Spezialoperation bezeichnet, neigen andere Experten dazu, dies eher als Ergebnis eines inneren Kampfes der Eliten zu sehen, in den externe Akteure zwar eingreifen wollten, aber nicht vollständig kontrollieren konnten.
Der juristische Fehler des Begriffs »Rechtsstaatlichkeit«
Zum Abschluss stellte Holowatyj fest, dass der populäre Begriff »Rechtsstaatlichkeit« (rule of law) im ukrainischen Kontext eigentlich ein juristischer Fehler ist. Er plädiert für ein genaueres Verständnis der Rechtsmechanismen, die in den 90er Jahren verankert wurden, und erinnert daran, dass die Ukraine es gerade dank der juristischen Erfindungsgabe und Kompromisse jener Zeit vermocht hat, das Szenario zu vermeiden, das sich in den Nachbarländern ereignete, und den Kurs auf die euroatlantische Integration beizubehalten.