Kanisterapie ist eine ergänzende Therapieform, bei der ein speziell ausgebildeter Hund nicht als behandelnder Arzt, sondern als „Brücke' zwischen Fachkraft und Klient fungiert. So beschreibt Marina Prokopenko, Hundetrainerin und Leiterin des Kanisterapie-Zentrums INNIKOS, das Wesen der Methode. Nach ihren Worten stellt der Hund keine Diagnosen und verschreibt keine Behandlung: Seine Aufgabe besteht darin, dem Psychologen, Rehabilitator oder anderen Fachkräften zu helfen, Kontakt zu dem Menschen aufzunehmen, der zur Therapie gekommen ist. Für viele Patienten wird das Tier zur wichtigsten Motivation, den ersten Schritt zum Fachmann zu machen oder die Rehabilitation fortzusetzen. Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass der Kontakt mit einem Hund den Cortisolspiegel – dem Stresshormon – senkt und die Produktion von Neurotransmittern anregt, die mit dem Gefühl von Freude und Sicherheit verbunden sind.
Die Natur ist wichtiger als die Rasse
Um zum „Therapiehund' zu werden, reicht es nicht, ein gehorsamer und freundlicher Haustierhund zu sein. Die Hundetrainerin des Zentrums INNIKOS, Darya Resnichenko, betont, dass eines der wichtigsten Merkmale die angeborene Stressresistenz ist: „Wir können einen Hund vieles beibringen, aber die meisten Eigenschaften, die für diese Arbeit erforderlich sind, werden von der Natur vorgegeben.' Zur Liste der wichtigsten Merkmale gehören Geselligkeit, Interesse am Neuen, die Fähigkeit, sich nach Stress schnell zu erholen (Resilienz), der Wunsch, Kontakt zu Fremden aufzunehmen, sowie eine ausgeprägte Futter- und Spielmotivation. Es ist grundsätzlich wichtig, dass der Hund Freude an der Arbeit hat und nicht einfach nur Aufgaben auf Kommando ausführt.
Drei Auswahlstufen: vom Welpen bis zur finalen Prüfung
Die Vorbereitung eines Hundes auf die Kanisterapie beginnt bereits im Welpenalter, doch ein früher Start garantiert nicht zwangsläufig einen erfolgreichen Ausgang. Die erste Bewertung erfolgt im Alter von wenigen Monaten: Die Fachkräfte beobachten die Reaktion des Welpen auf neue Gegenstände, Menschen und Geräusche sowie seine Fähigkeit, nach einem stressauslösenden Reiz (plötzliche Bewegung, unerwartetes Geräusch) wieder die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Erst nach einer erfolgreichen Vorprüfung wird das Tier für die weitere Ausbildung empfohlen. Die zweite Prüfungsstufe erfolgt nach der Jugendphase, in der genetisch bedingte Ängste und Phobien auftreten können, die im Welpenalter nicht vorhanden waren. Prokopenko rät, wo möglich, die Herkunft des Hundes zu recherchieren und die Eltern sowie ältere Geschwister zu beobachten, um das Verhalten besser vorhersagen zu können. Die finale Prüfung bewertet nicht nur das Ausbildungslevel, sondern auch, wie wohl sich das Tier selbst bei der Arbeit mit Menschen fühlt und ob diese Belastung seiner Gesundheit schadet.
Die Rasse ist keine Garantie, sondern nur ein Startpunkt
Am häufigsten wird die Kanisterapie mit Labradoren und Golden Retrievern in Verbindung gebracht – diese Rassen gelten traditionell dank ihres freundlichen Charakters als gute Kandidaten. Wie jedoch in INNIKOS erklärt wurde, sind Labradore mit den entsprechenden Eigenschaften in der Ukraine sehr schwer zu finden. Die Fachbetreuer betonen, dass die Rasse allein die Eignung nicht bestimmt: Entscheidend sind die individuellen angeborenen Eigenschaften des jeweiligen Tieres. Die Ausbildung eines Therapiehundes dauert praktisch ein Leben lang: Der Hund muss ruhig auf Rollstühle, Krücken und deren Schwingen, den Geruch von Medikamenten, laute Geräusche, Weinen und plötzliche Bewegungen von Menschen reagieren.
Das Wohlbefinden des Hundes ist mindestens so wichtig wie die Hilfe für den Menschen
Im Zentrum INNIKOS wird betont: Ein Hund, der in der Kanisterapie arbeitet, muss Freude an seiner Tätigkeit haben. Die finale Prüfung umfasst die Bewertung, wie das Tier die Belastung verträgt, wie schnell es sich erholt und ob es durch den Kontakt mit neuen Menschen, Gegenständen oder in unbekannter Umgebung übermäßigen Stress erfährt. Das Wohlbefinden des Hundes wird als gleichwertige Priorität neben der Hilfe für den Menschen betrachtet. Das Zentrum INNIKOS ist eines von vier Kanisterapie-Zentren in der Ukraine; ihre Eröffnung und Tätigkeit wurden durch die gemeinnützige Organisation „Kommunikation für Veränderungen' und die Unterstützung des internationalen Fonds Royal Canin Foundation ermöglicht.