Der südkoreanische Außenminister Cho Hyun erklärte am 28. Oktober bei parlamentarischen Anhörungen, Seoul schließe die Möglichkeit eines vollständigen Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zur Ukraine nicht aus, falls die aktuelle Eskalation der Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern anhalte. „Wenn die Eskalation weitergeht, gehe ich davon aus, dass eine solche Möglichkeit ebenfalls besteht“, antwortete der Chef des südkoreanischen Außenministeriums auf eine direkte Frage, ob die gegenwärtige diplomatische Krise mit Kiew in einen Beziehungsabbruch münden könne. Die Äußerung erfolgte vor dem Hintergrund bereits getroffener Schritte Seouls zur Verringerung seiner diplomatischen Präsenz in der Ukraine.
Chronologie der diplomatischen Krise
Der Streit zwischen Kiew und Seoul spitzte sich am 23. September zu, als Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Rede vor der UN-Generalversammlung öffentlich mitteilte, dass zwei nordkoreanische Kriegsgefangene an Südkorea übergeben worden seien. Anfang Oktober rief Seoul seinen Botschafter in Kiew, Park Ki-chan, zurück und beschloss daraufhin die Reduzierung des Botschaftspersonals. Kurz vor Cho Hyuns Erklärung zog Südkorea weitere acht Diplomaten aus der Ukraine ab, was den schärfsten Schritt im Rahmen der aktuellen Krise darstellt.
Seouls Position: Verletzung der Vertraulichkeit
Der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung erklärte, dass die öffentliche Bekanntgabe von Informationen über die Übergabe der Kriegsgefangene eine zuvor getroffene Vertraulichkeitsvereinbarung verletzt habe. Seoul erklärte, die Wahrung der Geheimhaltung sei notwendig gewesen, um die in Nordkorea verbliebenen Soldaten und deren Familien zu schützen. Dieser Logik zufolge könnte die öffentliche Bekanntgabe der Übergabe von zwei Personen die Sicherheit anderer nordkoreanischer Soldaten, die sich auf dem Gebiet der Ukraine befinden, sowie ihrer Angehörigen in Nordkorea gefährden.
Reaktion Kiews
Das Präsidialamt der Ukraine wies die Einstufung des Vorfalls als Verletzung einer Vertraulichkeitsvereinbarung zurück. Kiew bestreitet Seouls Auslegung hinsichtlich der Existenz und des Inhalts einer Geheimhaltungsvereinbarung. Somit sind sich die Parteien uneinig darüber, ob eine rechtlich verbindliche Vereinbarung zur Geheimhaltung der Übergabe von Kriegsgefangenen vorlag und in welchem Umfang sie formuliert wurde.
Kontext und mögliche Folgen
Der diplomatische Zwischenfall zwischen den beiden Ländern, die bis September 2026 eine konstruktive Zusammenarbeit im Rahmen der antirussischen Koalition gepflegt hatten, gehört zu den schärfsten in ihrer Beziehungsgeschichte. Die auf Ebene des Außenministers geäußerte Drohung eines vollständigen Abbruchs der diplomatischen Beziehungen unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der Seoul den seiner Ansicht nach begangenen Bruch einer vertraulichen Vereinbarung bewertet. Für die Ukraine könnte der Verlust des südkoreanischen diplomatischen Kanals inmitten der Kampfhandlungen zusätzliche politische und logistische Folgen haben, obwohl beide Seiten bisher keine konkreten Fristen oder Bedingungen für eine mögliche Normalisierung der Kontakte genannt haben.