Paul Brekke, Seniorberater der Norwegischen Weltraumagentur und Sonnenphysiker, stellte auf einem fachbezogenen Navigationsforum ein Gedankenexperiment mit dem Titel „Tag ohne Satelliten“ vor. Das Szenario simuliert einen hypothetischen plötzlichen Stillstand aller künstlichen Erdtrabantensatelliten und ermöglicht es, abzuschätzen, in welchem Maße die moderne Zivilisation von der orbitalen Infrastruktur abhängt. Nach Einschätzung des Experten wären die Folgen eines solchen Ausfalls nicht sofort, sondern schrittweise spürbar: Zunächst würde das Leben im gewohnten Rhythmus weitergehen, bevor eine Kettenreaktion von Störungen die Navigation, die Kommunikation, die Logistik und sogar die Wettervorhersagen betrifft.
Die ersten Stunden: die Illusion der Normalität
Laut Szenario würde das Alltagsleben in den ersten Stunden nach dem Ausfall nahezu unverändert aussehen. Flugzeuge würden in der Luft bleiben, die Versorgung der Städte mit Wasser und Strom würde nicht unterbrochen, und die meisten Menschen würden nichts Ungewöhnliches bemerken. Genau diese „stille“ Phase macht die Bedrohung nach Absicht des Autors des Experiments so tückisch: Die kritischen Systeme funktionieren noch, aber ihre Fähigkeit, weiterzuarbeiten, ist bereits infrage gestellt.
Atomuhren im Orbit: Warum Zeit das Schlüsselproblem ist
Das Haupttechnische Problem des Szenarios liegt darin, dass GPS-Satelliten die Rolle hochpräziser Atomuhren übernehmen und synchronisierte Zeitsignale an die Erde senden. Genau diese Synchronisation ist für die zivile Infrastruktur von entscheidender Bedeutung: Der Verlust der exakten Zeit führt zu sich aufsummierenden Fehlern, die den globalen Internetverkehr schnell zum Erliegen bringen. Parallel dazu würden die Rettungsdienste den Zugang zu den Geolokalisierungssystemen verlieren, und im Straßen- und Luftverkehr käme es zu Verspätungen.
Wer von der Welt abgeschnitten bleibt
Der Stillstand der Satelliten würde Gebiete, die über keine alternativen Kommunikationskanäle verfügen, sofort von der Welt abschneiden. Frachtschiffe in der Arktis, Fischereifahrzeuge im Südchinesischen Meer und Rettungstrupps in abgelegenen Regionen würden ohne Verbindung dastehen, da es unmöglich ist, dort physische Kabel zu verlegen. Militärschläge würden die Möglichkeit verlieren, die Bewegung von Truppen und Luftwaffe zu koordinieren, und zivile kommerzielle Flugverbindungen würden während langer Flüge außerhalb der Reichweite bodengestützter Radarstationen die Verbindung zu den Flugsicherungsdiensten verlieren.
Schlag gegen Meteorologie und Sicherheit
Einen erheblichen Schlag würde auch die Meteorologie einstecken. Obwohl Wetterbeobachter weiterhin Wetterballons und Bodenstationen einsetzen, stützt sich die moderne Vorhersage fast vollständig auf Satellitendaten. Ohne Beobachtung des offenen Ozeans würden Stürme unbemerkt entstehen und eine direkte Bedrohung für Schiffe und Flugzeuge darstellen. Selbst bei weiterem Betrieb des bodengestützten Netzes würden Genauigkeit und Aktualität der Vorhersagen also stark nachlassen.
Weltraummüll: die größte reale Bedrohung
Obwohl ein plötzlicher Sonnensturm oder ein vollständiger Ausfall der Geräte als unwahrscheinlich gelten, beunruhigt die Weltraumagenturen eine realere Bedrohung – der Weltraummüll. Laut dem Bericht der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) über die Weltraumumgebung befinden sich etwa 40.000 große Objekte auf der Umlaufbahn, und die Anzahl kleiner Trümmerstücke von mehr als 1 Zentimeter übersteigt 1,2 Millionen Einheiten. Jedes von ihnen bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die bei einer Kollision ausreicht, um einen Satelliten vollständig zu zerstören. Die Modelle der Organisation zeigen, dass die Menge des Mülls auf der Umlaufbahn auch bei vollständigem Verzicht auf künftige Raketenstarts aufgrund einer Kettenreaktion neuer Kollisionen noch über 200 Jahre weiter zunehmen würde. Technische Lösungen zur Reinigung der Umlaufbahn mit Netzen, Harpunen oder Schleppmanövern sind noch nicht skalierbar.
Fazit der Agenturen und wachsende Abhängigkeit
Das US-Heimatschutzministerium und das Globale Geodätische Zentrum der Vereinten Nationen kamen in ihren Studien zu dem Schluss, dass ein längerer Satellitenausfall verheerende Auswirkungen auf die Logistik, die Landwirtschaft, den Seehandel und den Bankensektor hätte. Das zentrale Ergebnis der Experten besteht darin, dass die Abhängigkeit der Menschheit von Weltraumtechnologien im gleichen Maße wie die Zahl der neuen Geräte auf der Umlaufbahn wächst und damit die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur gegenüber ihrem Verlust mit jedem Start zunimmt.