Der Buergermeister von Charkiw und Leiter des Verbands der frontnahen Staedte und Gemeinden, Ihor Terekhov, hat die Initiative ergriffen, die staedtische Notfallreaktionssystem auf andere ukrainische Staedte und Gemeinden auszudehnen. Die Initiative wurde auf einer Sitzung des Koalitionsrates unter Beteiligung des Premierministers der Ukraine Serhij Korezkyj, von Vertretern der Werchowna Rada, zustaendigen Ministerien und Diensten, regionalen militaerischen Verwaltungen und Gemeinden vorgestellt. Laut Terekhov kann das Charkiwer Modell als Grundlage fuer einen einheitlichen landesweiten Standard des Zivilschutzes und der operativen Reaktion dienen, der an die Beduerfnisse verschiedener Gebiete angepasst wird.
Von US-Erfahrungen zum ukrainischen Standard
Die Idee zur Einrichtung eines Lagezentrums in Charkiw entstand, wie der Buergermeister anmerkte, noch vor Beginn des grossflaechigen Krieges. Zu diesem Zeitpunkt studierte die Stadt die US-amerikanischen Erfahrungen im Krisenmanagement, die spaeter die Grundlage des Charkiwer Modells bildeten. Heute werden diese unter realen Kampfbedingungen erprobten Erfahrungen als fertige Plattform zur Replizierung angeboten. Terekhov betonte, dass der Standard den gesamten Reaktionszyklus abdeckt: von der Warnung der Bevoelkerung vor Gefahren und der Ortung des Einschlagorts bis hin zur Schadensbeseitigung, der Hilfeleistung fuer Opfer und der Wiederherstellung der lebenswichtigen Infrastruktur.
Wie die Koordinierung der Dienste organisiert ist
Die Hauptaufgabe des Charkiwer Ansatzes bestand darin, die Arbeit zahlreicher Behoerden in einem einzigen operativen Raum zu buendeln. An dem System sind Vertreter der staedtischen Behoerden, des Staatlichen Notdienstes der Ukraine, der Patrouillenpolizei, der medizinischen Notfallversorgung sowie der Energie- und Gasversorgungsunternehmen beteiligt. Zudem wurde eine direkte Zusammenarbeit mit den Streitkraeften der Ukraine aufgebaut. Dabei behält jeder Dienst seine Zustaendigkeiten, agiert jedoch in Abstimmung mit anderen ohne zusaetzliche Verzoegerungen bei der Suche nach Verantwortlichen und internen Abstimmungen. Terekhov betont: Das Vorhandensein moderner Geraete, professioneller Retter und ausgestatteter Kranenhäuser garantiert keine schnelle Hilfe, wenn Informationen zwischen den Diensten verspaetet uebertragen werden und wertvolle Minuten fuer buerokratische Verfahren verloren gehen.
30 Sekunden statt fuenf Minuten
Die praktischen Ergebnisse des Charkiwer Systems lassen sich in konkreten Zahlen festhalten. In 86 Betriebswochen sank die Dauer des Luftalarms in der Stadt um 39,75 %, was den Einwohnern laut Buergermeister ermoeglichte, «voellig anders zu leben und zu arbeiten». Einen wesentlichen Beitrag leistete ein spezialisiertes Videoüberwachungssystem: Die Zeit zur Bestimmung des Einschlagorts feindlicher Angriffe wurde von fuenf Minuten auf 30 Sekunden verkuerzt. Dies ermoeglicht eine schnellere Lagebeurteilung, den Beginn von Rettungsmassnahmen und den Einsatz der erforderlichen Dienste. Zur Koordinierung vor Ort nutzt die Stadt spezialisierten Funkverkehr, unter anderem um Arbeiter vor der Gefahr erneuter Angriffe zu warnen. Gemaess Angaben von Terekhov koennen sich die städtischen Dienste mittlerweile innerhalb von fuenf bis sechs Minuten am Einschlagort versammeln.
Kommunale Dienste an vorderster Front
Kommunale Unternehmen spielen eine besondere Rolle bei der Reaktion. Ihre Mitarbeiter trefen als Erste am Einschlagort ein: Sie raeumen Truemmer weg, helfen Rettern, sperren beschaedigte Leitungen ab und stellen Strom-, Wasser- und Waermeversorgung wieder her. Diese Arbeit wird oft unter der Gefahr erneuter Beschusslagen verrichtet. Terekhov richtete einen Appell an die Beschaeftigten des kommunalen Sektors mit der Bitte, sich bewusst zu machen, dass ihre taegliche Arbeit unter Kriegsbedingungen Teil der Rettung von Menschenleben ist.
Ein umfassender Standard, nicht nur ein Lagezentrum
Der Charkiwer Sicherheitsstandard, so der Buergermeister, beschraenkt sich keineswegs nur auf die Arbeit des Lagezentrums. Es handelt sich um einen umfassenden Anzatz zur Vorbereitung der Stadt auf Notfälle, der die Einrichtung von Schutzraeumen, die Bildung von Materialreserven, die Bereitstellung einer Notstromversorgung, die Ausbildung von Fachleuten und die Durchfuehrung regelmässiger Uebungen umfasst. Terekhov wies darauf hin, dass selbst die beste Koordinierung ohne die erforderlichen Ressourcen keinen angemessenen Schutz bieten kann, weshalb die Skalierung des Modells auf andere Staedte mit entsprechender Finanzierung und infrastruktureller Unterstuetzung einhergehen muss.