Die ukrainische Metallurgie brennt sozusagen aus zwei Richtungen: Auf der einen Seite führen russische Angriffe auf die industrielle Infrastruktur gezielt dazu, dass die größten Kombinate außer Gefecht gesetzt werden, auf der anderen Seite bleibt der Strompreis für die Industrie einer der höchsten in Europa, was die Wettbewerbsfähigkeit der Branche auf den internationalen Märkten untergräbt. Laut RBC-Ukraine lag der durchschnittliche Strompreis auf dem „Day-Ahead“-Markt in der Ukraine in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres bei 106 Euro pro Megawattstunde, während er in Frankreich 61 Euro, in Tschechien 94 Euro und in Deutschland 80 Euro betrug. Für energieintensive Betriebe, bei denen die Energiekosten bis zu 60 % der Selbstkosten des Produkts ausmachen können, wird dieser Preisunterschied zum Überlebensfaktor.
Gezielte Angriffe auf die Kombinate
Russland setzt seine Angriffe auf eine der größten Branchen der ukrainischen Industrie fort. Nach dem Angriff am 16. August wurde das größte Metallurgiekombinat des Landes, der „ArcelorMittal Krywrih“, teilweise stillgelegt. Am 27. August führte der Gegner einen erneuten Angriff auf den „Saporischstal“-Kombinat durch; der Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Betriebs war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels noch nicht festgelegt. Diese Ereignisse kommen zu den systemischen Problemen hinzu: Seit Jahresbeginn sind die Metallurgen gezwungen, die Produktion und die Lieferungen auf den Auslandsmarkt wegen der Blockade der Seehäfen und der Einführung einer CO2-Grenzanpassung an der Grenze zur EU zu reduzieren. Zu diesem dramatischen Bild kommen der Anstieg der Eisenbahnfrachtpreise zum 1. August und die chronisch hohen Strompreise hinzu.
Preisunterschied beim Strom und Struktur der Selbstkosten
Die Stromkosten machen einen kritischen Anteil an der Preisstruktur der metallurgischen Produkte aus. Schätzungen der Beratungsagentur GMK Center zufolge beträgt der Energieanteil im Eisenerzkonzentrat 50–60 %, in Eisenerzpeletzen 30–35 % und im Stahl, der in Elektrolichtbogenöfen geschmolzen wird, 10–15 %. Obwohl der Strompreis für die Industrie in den letzten Monaten vor dem Hintergrund des nachlassenden Nachfrage etwas gesunken ist, bleibt das Preisniveau für die Endverbraucher, insbesondere für Metallurgiekombinate, die an der Rentabilitätsgrenze arbeiten, weiterhin hoch.
Internationale Konkurrenz: Subventionen gegen ukrainische Preise
Hohe inländische Strompreise verschlechtern die ohnehin schon fragile Position der Ukraine auf dem Weltmarkt für Metallprodukte. China wendet für die Eisen- und Nichteisenmetallurgie ermäßigte Stromtarife an, türkische Unternehmen kaufen Rohstoffe weiterhin mit erheblichem Abschlag von Russland. Auch die EU-Staaten stützen ihre eigenen Hersteller: Es gibt ein Programm zur Kompensation indirekter CO2-Kosten für energieintensive Betriebe, und bis 2030 wird der Clean Industrial Deal umgesetzt, der die Finanzierung der Reduzierung der Energiekosten vorsieht. Der Analyst von GMK Center, Wirtschaftswissenschaftler Andrei Hlutschenko, bezeichnet diese Mechanismen als „Subventionierung eines Teils der Energiekosten der Unternehmen“, für die jährlich Milliarden Euro aufgewendet werden. Italien und Deutschland haben separate Programme zur Unterstützung ihrer eigenen Metallurgie, die Geisel der hohen Weltenergiepreise geworden ist.
Industriepolitik und Mechanismus der Direktverträge
Der Volksabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Parlamentsausschusses für wirtschaftliche Entwicklung, Dmytro Kysylewski, behauptet, dass die Industriepolitik der Ukraine darauf ausgerichtet sein muss, dass der Energiepreis für die Industrie der niedrigste in der EU ist, und betont, dass die europäischen Unterstützungsmodelle das „Ergebnis einer durchdachten Industriepolitik“ sind, nach der die Ukraine sich ausrichten sollte. Um der Industrie größere Strommengen zu einem angemessenen Preis zu liefern, hat die Regierung die Durchführung von Auktionen erlaubt, deren Ergebnisse zu Verträgen auf ein Quartal, ein Halbjahr oder ein Jahr führen. Die Pflicht, Strom nach solchen Verträgen zu verkaufen, wurde den staatlichen Unternehmen „Enerhoatom“ und „Ukrhydroenerho“ auferlegt. Der Mechanismus erfordert jedoch eine weitere Ausarbeitung, um ein vollwertiges Instrument zur Senkung der Energiekosten für die Metallurgen zu werden.