In Vilnius und in Tschechien tauchten nahezu gleichzeitig vor den Gebäuden von Rüstungsunternehmen Trauerkränze mit Fotos der Unternehmensleiter auf. In Litauen ereignete sich der Vorfall vor dem Büro von RSI Europe – einem Hersteller von unbemannten Systemen, der der Ukraine FPV-Drohnen und Fernsprengsysteme liefert. In Tschechien wurde eine ähnliche Aktion vor dem Büro des Unternehmens CSG dokumentiert, das sich auf die Herstellung von Munition und Militärtechnik spezialisiert. Die Strafverfolgungsbehörden beider Länder haben Ermittlungen aufgenommen, und die litauische Polizei hat bereits einen Verdächtigen festgenommen.
„Wir haben keine Angst“: Reaktion der RSI-Europe-Führung
Der Chef von RSI Europe, Tomas Milišauskas, dessen Foto mit einem schwarzen Trauerband neben den Kränzen platziert wurde, erklärte, dass er lebt und gesund ist. Im Gespräch mit dem Medium LNK Žinios bezeichnete er das Geschehen als „Versuch der Einschüchterung“ und als „übliche Arbeitsweise der Russen“. Seiner Aussage zufolge ist das Unternehmen mit einer solchen Provokation zum ersten Mal konfrontiert, obwohl zuvor bereits andere Schadensversuche, darunter Cyberangriffe, registriert wurden. „Unsere Reaktion ist völlig normal – wir arbeiten weiter, reagieren nicht und lassen uns nicht ablenken, denn ihr Ziel ist es, unsere Aufmerksamkeit abzulenken“, betonte Milišauskas.
Festnahme und Verlauf der Ermittlungen
Die litauische Polizei reagierte schnell auf den Vorfall und nahm einen Verdächtigen fest, gegen den ein vorverfahrensrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Laut Informationen aus LNK-Quellen ist der Festgenommene ein ukrainischer Staatsbürger, und für die Zustellung der Kränze könnte ihn ein weißrussischer Staatsbürger beauftragt haben. Der Leiter des Nationalen Zentrums für Krisenmanagement, Vilmautas Vitkauskas, verknüpfte die schnelle Festnahme mit der verstärkten Überwachung von Rüstungsunternehmen, die zuvor eingeführt worden war. In Tschechien werden die Details der Ermittlungen derzeit nicht offengelegt, doch die Strafverfolgungsbehörden klären, ob beide Vorfälle miteinander zusammenhängen.
Informationsbegleitung und Bedrohungsbeurteilung
Fotos und Videos mit den Kränzen verbreiteten sich rasch in sozialen Netzwerken und Telegram-Kanälen. Litauische Vertreter verbinden die Art der Informationsbegleitung mit den Methoden russischer Geheimdienste: In den Veröffentlichungen werden Narrative wiederholt, wonach die NATO „mit ukrainischen Händen“ einen Krieg gegen Russland führt, und europäische Unternehmen, die Kiew helfen, werden der „Kriegsgewinnler-Mentalität“ beschuldigt. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Seimas, Remigijus Močūnas, warnte, dass ähnliche Provokationen wiederholt werden könnten: „Solche Fälle können zunehmen, und sie haben bereits zugenommen. Dies ist wohl erst der Anfang“. Zuvor hatte der litauische Präsident Gitanas Nausėda vor der Vorbereitung lokaler Operationen Russlands gegen Objekte in den baltischen Staaten gewarnt.
Widersprüchliche Angaben
Es gibt eine Reihe von Unstimmigkeiten und Vorbehalten in den vorliegenden Informationen. Erstens wurde ein direkter Zusammenhang zwischen den Vorfällen in Litauen und Tschechien von keiner Seite bestätigt – die Strafverfolgungsbehörden „klären“ lediglich, ob sie zusammenhängen. Zweitens ist die Zuschreibung der Provokation an russische Geheimdienste eine Einschätzung litauischer Amtsträger und kein festgestellter Fakt: Der Festgenommene ist ein ukrainischer Staatsbürger, der mutmaßliche Auftraggeber ein weißrussischer Staatsbürger, wobei deren Motivation und Verbindung zu russischen Strukturen nicht bewiesen sind. Drittens werden die Details des tschechischen Falls (welcher CSG-Leiter genau auf dem Foto abgebildet war, welche Kränze genau platziert wurden) in öffentlichen Quellen deutlich weniger ausführlich dargelegt als der litauische.
Kontext: Zunehmende Sabotageaktivität in Europa
Die Vorfälle in Vilnius und Tschechien fügen sich in einen breiteren Trend ein, der in den vergangenen Monaten in Europa registriert wird: eine Zunahme von Sabotageakten, Bränden und Provokationen, die russischen Geheimdiensten zugeschrieben werden. Rüstungsunternehmen, die Militärtechnik und Komponenten an die Front liefern, werden zu prioritären Zielen für derartige Einschüchterungsaktionen. Experten weisen darauf hin, dass Trauerkränze mit Fotos lebender Personen ein klassisches Mittel des psychologischen Drucks sind, das weniger auf physischen Schaden als vielmehr auf die Schaffung einer Bedrohungsatmosphäre und die Ablenkung der Ressourcen von Strafverfolgungsbehörden und Unternehmen von ihrer Haupttätigkeit abzielt.