Die Türkei hat Russland und der Ukraine einen Entwurf eines Memorandums übergeben, das darauf abzielt, die Angriffe auf zivile Schiffe im Schwarzen Meer vollständig zu beenden. Dies teilte eine Quelle aus dem türkischen diplomatischen Umfeld der Agentur AFP mit, auf die sich RBC-Ukraine unter Berufung auf Al Arabiya bezieht. „Wir haben den Text des Memorandums, den Entwurf des Textes, mit Russland und der Ukraine geteilt, um eine Lösung für das Problem dieser Angriffe im Schwarzen Meer zu finden“, erklärte der Diplomat. Die Initiative Ankars ist eine Reaktion auf die deutliche Eskalation der Vorfälle in der Region und stellt im Wesentlichen einen Versuch dar, die Situation diplomatisch „einzudämmen“, die in den letzten Monaten in eine chronische Phase übergegangen ist.

Verwundbarer Abschnitt von 4–5 Meilen: Wo das Risiko am höchsten ist

Laut dem türkischen Diplomaten ist das Hauptziel des vorgeschlagenen Memorandums der Schutz der zivilen Schiffe auf dem verwundbarsten Abschnitt der Route. Im Schwarzen Meer gibt es eine Zone von etwa 4–5 Seemeilen Länge, in der Schiffe, die die nationalen Gewässer der Ukraine verlassen, in internationale Gewässer übergehen. Genau bei diesem Übergang, so die Einschätzung Ankars, entsteht ein erhöhtes Angriffsrisiko: Das Schiff befindet sich bereits nicht mehr unter der vollen Jurisdiktion des Küstenstaates, ist aber noch nicht in der Zone, in der ein vollständiges internationales Schifffahrtsregime gilt. Das Memorandum soll, wie aus der Beschreibung hervorgeht, das Verhalten der Parteien in diesem „grauen“ Korridor regeln und eine garantierte Sicherheit für kommerzielle und zivile Transporte gewährleisten.

Der „Getreidekorridor“ als architektonisches Vorbild

Zur Grundlage des neuen Vorschlags Ankars wurde der Mechanismus des „Getreidekorridors“ gelegt, der 2022 unter Vermittlung der UN und der Türkei funktionierte. Das ursprüngliche Getreideabkommen wurde im Juli 2022 unterzeichnet, um den sicheren Export ukrainischer Agrarprodukte über das Schwarze Meer zu gewährleisten. Der Mechanismus sah die Inspektion von Schiffen, abgestimmte Routen und die Überwachung durch ein Koordinierungszentrum in Istanbul vor. Nachdem Russland 2023 aus den Vereinbarungen ausgestiegen war, organisierte die Ukraine eigenständig eine alternative humanitäre Route, die durch die Gewässer Rumäniens und Bulgariens verläuft. Jetzt schlägt Ankara vor, die 2022 bewährte Kontroll- und Vermittlungsinfrastruktur an die neue Realität anzupassen, in der die Bedrohung nicht von logistischen Einschränkungen, sondern von direkten bewaffneten Angriffen auf zivile Schiffe ausgeht.

25 Angriffe in zwei Monaten: Die Statistik, die Ankara antrieb

Die Intensivierung der diplomatischen Bemühungen der Türkei erfolgte vor dem Hintergrund eines starken Anstiegs der Vorfälle im Schwarzen Meer. Seit Ende Juni 2026 wurden in der Seezone mindestens 25 zivile Schiffe angegriffen, die der Türkei gehören. Diese Konzentration von Angriffen in kurzer Zeit hat nach Einschätzung von Beobachtern eine direkte Bedrohung nicht nur für die kommerzielle Schifffahrt, sondern auch für die Sicherheit der türkischen Häfen und Küstenregionen geschaffen. Genau diese Statistik war offenbar der Auslöser dafür, dass Ankara von der Beobachtung zu einer aktiven diplomatischen Initiative mit einem konkreten Textvorschlag überging.

Angriff auf das tansanische Schiff am 17. September

Der unmittelbare Vorgänger der Übergabe des Memorandums war der Vorfall vom 17. September 2026, als ein russisches Drohnenangriff ein ziviles Schiff unter tansanischer Flagge angriff, das sich auf dem Weg in einen ukrainischen Hafen befand. Infolge des Einschlags wurde eine Person getötet, mehrere weitere wurden verletzt. Dieser Vorfall war im Wesentlichen der letzte Tropfen: Er zeigte, dass die Angriffe nicht nur Schiffe betreffen, die mit den Kriegsparteien verbunden sind, sondern auch neutrale Staaten, deren Flaggen nichts mit dem Konflikt zu tun haben. Für die Türkei als Garantenstaat der Bosporusstraße und als wesentlichen Vermittler macht ein solcher Vorfall ein diplomatisches Eingreifen nicht nur wünschenswert, sondern praktisch unverzichtbar.

Einschränkung der Schifffahrt und der Bloomberg-Kontext

Zuvor hatten Bloomberg-Quellen berichtet, dass die Türkei die Bewegung einiger kommerzieller Schiffe im Schwarzen Meer bereits eingeschränkt hat. Grund für diesen Schritt war genau der Anstieg der Angriffe. Somit handelte Ankara vor der Übergabe des Memorandums auf zwei Ebenen: einerseits die administrative Verengung des Korridors zur Risikominimierung, andererseits die Vorbereitung eines diplomatischen Instruments, das die Sicherheit der Schifffahrt legitim und nachhaltig wiederherstellen könnte. Die Übergabe des Memorandum-Entwurfs an Russland und die Ukraine fügt sich logisch in diese Abfolge ein: zuerst die Einschränkung, dann das Angebot.

Widersprüchliche Daten

In den vorliegenden Quellen besteht eine Unstimmigkeit in der Formulierung zur Zugehörigkeit der angegriffenen Schiffe. Im Text von RBC-Ukraine (unter Berufung auf AFP und den türkischen Diplomaten) heißt es, dass seit Ende Juni „mindestens 25 zivile Schiffe, die der Türkei gehören“, angegriffen wurden. Gleichzeitig wird im Kontext des 17. September ein Schiff unter tansanischer Flagge erwähnt. Dies könnte bedeuten, dass in die Statistik der „25 Schiffe“ sowohl türkische als auch ausländische Schiffe einbezogen werden, die türkische Häfen angelaufen haben oder mit der türkischen Schifffahrtsflotte verbunden sind, oder dass die Formulierung des Diplomaten bei der Weitergabe an die Medien vereinfacht wurde. Die genaue Liste und die Nationalität aller 25 Schiffe sind in den öffentlichen Quellen nicht offengelegt, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung am 18. September 2026 haben weder Moskau noch Kiew öffentlich bestätigt oder dementiert, den Entwurf des Memorandums erhalten zu haben.