Angesichts des andauernden bewaffneten Konflikts steht die Ukraine vor wachsendem Druck auf dem Arbeitsmarkt, der laut Demografen zu einem langfristigen strukturellen Problem werden könnte. Im Interview mit RBC-Ukraine erklärte Alexej Posnjak, Seniorforscher des Instituts für Demografie und Sozialforschung M. W. Ptucha der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und Doktor der Wirtschaftswissenschaften, dass der entscheidende Faktor hier die Dauer des Krieges sei: Je länger er andauere, desto weniger ukrainische Bürger im Ausland seien bereit, in ihre Heimat zurückzukehren. Den meisten ukrainischen Flüchtlingen, so der Experte, plane derzeit, in den sie aufnehmenden Ländern zu bleiben, wobei diese Stimmung laut Posnjak je nach Entwicklung an der Front und im Land selbst wechseln könne.
Demigration als langfristiges demografisches Risiko
Posnjak betont, dass der Aufenthalt eines erheblichen Teils der Bevölkerung im Ausland bereits heute spürbare wirtschaftliche Folgen für die Ukraine habe. Der Experte verknüpft den ausgedehnten Charakter des Konflikts direkt mit der Verschlechterung der demografischen Lage: Jede zusätzliche Phase des Krieges senke die Wahrscheinlichkeit einer Massenrückkehr und zementiere damit den Verlust von Arbeitskraft. Das bedeute, dass das Land selbst nach Beendigung der Kampfhandlungen den vor dem Krieg liegenden Beschäftigungsstand nicht automatisch wiederherstellen könne — ein Teil der Arbeitskräfte werde, so die Prognose des Forschers, für unbestimmte Zeit im Ausland bleiben.
Fachkräftemangel wird bereits auf dem Markt festgestellt
Laut Posnjak werde der Mangel an Fachkräften bereits in vielen Branchen spürbar: „Derzeit fehlen in vielen Bereichen sehr viele Fachkräfte.“ Gleichzeitig, so der Experte, könne der Bedarf an Arbeitskräften nach Kriegsenden noch stärker steigen — vor allem wegen der Aufgaben der Nachkriegswiederherstellung und der erwarteten Investitionen der Partnerländer, die zusätzlichen Arbeitskräfte erfordern würden. „Im Vergleich zur Vorkriegszeit haben wir derzeit einen Mangel auf dem Arbeitsmarkt“, resümierte er und wies darauf hin, dass das Problem nicht vorübergehender, sondern systemischer Natur sei.
Woher die Ukraine Migranten anziehen wird
Um den Fachkräftemangel auszugleichen, werde die Ukraine, so die Einschätzung des Experten, gezwungen sein, Arbeitsmigranten aus anderen Ländern anzuziehen, wobei die Auswahl der Arbeitskräftegeber begrenzt sei. Posnjak prognostiziert, dass der massenhafte Zuzug vor allem aus wirtschaftlich ärmeren Staaten kommen werde — insbesondere aus Ländern Asiens und Afrikas. Bürger reicherer Länder könnten zwar in die Ukraine kommen, vor allem jedoch als einzelne eng spezialisierte Fachkräfte und nicht als Massenarbeitskraft. In der zugänglichen Fassung des Interviews nannte der Experte zudem drei Hauptbereiche, die zur Kompensation des Arbeitskräftemangels beitragen könnten; deren detaillierte Aufzählung ist in den vorliegenden Materialien jedoch nicht enthalten, weshalb die Redaktion auf eine Wiedergabe verzichtet, um Ungenauigkeiten zu vermeiden.
Toleranzpolitik als Voraussetzung für Integration
Zentraler praktischer Schluss des Experten ist die Notwendigkeit, eine Toleranzpolitik gegenüber Migranten im Voraus aufzubauen. Posnjak schlägt vor, soziale Kampagnen und Informationsveranstaltungen durchzuführen, die die Bedeutung des Respekts gegenüber Vertretern anderer Kulturen erklären, um das Risiko von Konflikten auf dem Boden kultureller Unterschiede zu verringern. Diese These stimmt mit dem breiteren Diskurs überein, dass Migration ohne Integration das Problem des Fachkräftemangels nicht löst, sondern es lediglich in die soziale Ebene verlagert.
Kontext: Regulierer bestätigt die Probleme des Arbeitsmarkts
Die Einschätzung Posnjaks fügt sich in das Gesamtbild ein, das auch andere Marktteilnehmer feststellen. Zuvor wurde berichtet, dass der ukrainische Arbeitsmarkt bereits aufgrund des Krieges und des Auslandszugs einer erheblichen Zahl von Bürgern mit einem Fachkräftemangel konfrontiert ist, und dass der Bedarf an Arbeitskräften nach dem Krieg infolge der Wirtschaftswiederherstellung noch weiter steigen könnte. Die Nationalbank der Ukraine wies ebenfalls auf strukturelle Probleme des Arbeitsmarkts hin, einschließlich der Notwendigkeit, das Lohnniveau anzupassen. Dabei wurde angemerkt, dass nach Beginn des großflächigen Krieges Millionen von Ukrainen ins Ausland gegangen seien, eine neue Masseneinwanderungswelle jedoch derzeit nicht feststellbar sei; zugleich könne eine Intensivierung der Beschuss die Entscheidungen der Menschen über Ausreise und Rückkehr in die Ukraine beeinflussen.