Die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, hat dem Alexander-Lukaschenko-Regime öffentlich vorgeworfen, die illegale Migration als politisches Druckmittel gegen Europa einzusetzen, wobei sie Litauen als eines der wichtigsten Ziele dieser Aktivitäten nannte. Dies, so berichtete RBC-Ukraine, schrieb sie in einem Beitrag in ihrem X-Profil. Kallas zufolge sei die Sicherheit der litauischen Grenzen eine „gemeinsame europäische Verantwortung', und die europäischen Länder müssten dem Einsatz von Migration als Waffe entgegentreten, indem sie die EU-Staaten unterstützen, die mit den Handlungen des belarussischen Regimes konfrontiert sind.
Tunnel als Zeichen organisierter Unterstützung
Zentrales Argument in Kallas' Erklärung wurde die Infrastruktur für den Migrantenschmuggel. Sie wies darauf hin, dass „die ausgereifte Tunnelinfrastruktur für den Migrantentransport auf organisierte Unterstützung hindeutet und ein gewichtiges Indiz dafür ist, dass Minsk dabei hilft'. Der Kontext bestätigt den Umfang: Allein im August 2026 wurde der dritte Versuch registriert, einen Tunnel aus Belarus nach Litauen zu graben, und seit Jahresbeginn zählte die litauische Grenzpolizei bereits 12 Versuche, über unterirdische Wege, die von belarussischem Gebiet aus angelegt wurden, illegal in das Land einzudringen.
„Ostflanke', Sanktionen und ingenieurtechnische Maßnahmen
Als Reaktion auf die beschriebenen Handlungen rief Kallas dazu auf, die Initiative „Ostflanke' (Eastern Flank Watch) in enger Zusammenarbeit mit der NATO zu beschleunigen und den Sanktionsdruck auf Minsk aufrechtzuerhalten. Parallel dazu, wie zuvor berichtet, ändert Litauen seinen Ansatz bei ingenieurtechnischen Grenzmaßnahmen: Das Kabinett des Landes plant, eine neue Sicherheitszone zu bilden, unter anderem durch die Anlage von Mooren an der Grenze zu Belarus und zur russischen Region Kaliningrad.
Widersprüchliche Daten
In den Bewertungen der Beteiligten gibt es deutliche Abweichungen in der Interpretation des Geschehens. Das offizielle Vilnius und Brüssel, gestützt auf Kallas' Aussagen, deuten das Tunnelnetz als Beweis für eine staatliche, organisierte Unterstützung des Migrantenschmuggels durch Minsk. Unabhängige öffentliche Bestätigungen konkreter Mechanismen einer solchen Unterstützung fehlen in den vorliegenden Materialien jedoch — der Schluss auf „organisierte Unterstützung' ist die Einschätzung eines europäischen Amtsträgers. Gleichzeitig, so die Daten von gazet.ru und life.ru, präsentieren russische Kommentatoren den Migrationsdruck nicht als eigenständige Strategie Minsks, sondern als Instrument, das die EU von der Sanktionsagenda ablenken und sie „ernsthaft' in einen Konflikt verwickeln kann. So sieht eine Seite ein gezieltes Staatsprogramm, die andere eine Ablenktaktik, und die faktische Grundlage (Tunnel, Grenzübertrittversuche) wird unterschiedlich interpretiert.
Kontext: jahrelange Praxis des Drucks
Das Problem, dass Minsk Migration zur Druckausübung auf EU-Länder einsetzt, ist nicht neu: In den Vorjahren beschuldigten Litauen, Lettland und Polen die belarussischen Behörden wiederholt, Migrationsströme an ihre Grenzen zu organisieren. Kallas' Erklärung fügt sich in diese jahrelange Dynamik ein und dokumentiert, so ihre Worte, eine Eskalation in Form des Übergangs von Landströmen zu unterirdischer Infrastruktur, was aus Sicht der EU beschleunigte kollektive Maßnahmen an der „Ostflanke' erfordert.