Tägliche Luftalarme, Angriffe auf zivile Infrastruktur und Lebensmitteldepots sowie wachsende Erwartungen an einen harten Winter bilden bei einem Teil der Ukrainer den Gedanken an eine Auswanderung ins Ausland. Seit dem 1. September 2026 konnten in einer Reihe von Schulen in Kiew und anderen Städten laut Angaben aus einem Interview mit RBC-Ukraine in der ersten Woche des Schuljahres vor dem Hintergrund mehrfacher Sirenen nur zwei bis drei Unterrichtsstunden pro Woche abgehalten werden. In diesem Zusammenhang stellte der Seniorforscher des Instituts für Demographie und Sozialforschung M. W. Ptuka der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kandidat der Wirtschaftswissenschaften Alexej Posnjak, im Gespräch mit Journalisten den zentralen Schluss fest: Der massive Migrationsgipfel, der in den ersten Monaten der vollumfänglichen Invasion verzeichnet wurde, ist bereits erschöpft, und eine Wiederholung einer solchen Welle im Jahr 2026 ist nicht zu erwarten.
Der Migrationsgipfel ist erschöpft: Wer bereits gegangen ist und wer geblieben ist
Laut Posnjak verwendet das Institut zur Überwachung der Migrationsabsichten Daten aus offenen Quellen und Umfragen verschiedener soziologischer Strukturen. Das Gesamtbild zeige in seiner Bewertung im aktuellen Zeitraum keine erhebliche Zunahme der Migrationsabsichten. „Wer aufgrund des Krieges dazu neigte, die Ukraine zu verlassen, hat dies bereits getan“, so der Experte. Die Ukrainer, die im Land geblieben oder nach einem kurzen Aufenthalt im Ausland zurückgekehrt sind, orientieren sich stärker daran, in der Ukraine zu bleiben, bis sich die Situation grundlegend ändert. Der absolute Gipfel der Massenabwanderung fiel laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) in die ersten Wochen und Monate des Jahres 2022: Allein in den ersten Wochen des März überquerten mehr als drei Millionen Menschen die Grenze, und bis zum Ende des Frühlings überstieg die Gesamtzahl sechs bis sieben Millionen Grenzüberschreitungen.
Was die Auswanderungsentscheidung tatsächlich verändert
Der Experte betont, dass die Entscheidung über eine Emigration nicht bei jedem einzelnen Vorfall überprüft wird, sondern erst dann, wenn sich die Lage um eine konkrete Person herum wesentlich ändert. Ein lokaler Beschuss in der Nähe des Hauses oder ein Angriff auf ein Lebensmitteldepot werden die Zahl derer erhöhen, die sich zum Weggang entscheiden, insbesondere wenn die allgemeinen Bedingungen weniger stabil werden als jetzt. Allerdings weist Posnjak ausdrücklich darauf hin: Selbst in einem solchen Szenario würde es sich nicht um eine Massenabwanderung im Maßstab von 2022 handeln, als der am mobilsten und emigrationsneigste Teil der Bevölkerung das Land bereits in den ersten Kriegsmonaten verlassen hatte.
Saisonalität und Methodologie der Zählung der Grenzüberschreitungen
Bei der Verfolgung der Migrationstrends stützt sich das Institut unter anderem auf Daten der Staatlichen Grenzschutzdienstes der Ukraine. Posnjak lenkt die Aufmerksamkeit auf eine methodische Schwierigkeit: Im Sommer wird traditionell ein Anstieg des Grenzübertrittsstroms in beiden Richtungen verzeichnet – dies ist die Urlaubszeit, in der Bürger geplant nach Europa fahren und zurückkehren. Allein anhand des Faktums eines Grenzübertritts lässt sich nicht feststellen, ob eine Person Migrant, Tourist oder Geschäftsreisender ist. Darüber hinaus erfasst die Statistik nicht die Anzahl der eindeutigen Personen, sondern die Zahl der Überschreitungen: Derselbe Bürger kann die Grenze drei-, fünf- oder zehnmal überqueren. Das einzige stabile Muster, das verzeichnet wird, ist ein Anstieg der Abreisen zu Beginn des Sommers und ein entgegengesetzter Strom in Richtung Ukraine gegen Ende der Sommersaison.
Widersprüchliche Daten
Im Interview erwähnt Posnjak, dass „im vergangenen Jahr“ in der Ukraine die Ausreise von Männern im Alter von 18 bis 22 Jahren erlaubt wurde, was einen gewissen, wenn auch nicht massenhaften Anstieg der Grenzüberschreitungen auslöste. Dabei wurde das Gesetz, das jungen Männern die Ausreise aus dem Land ermöglicht, im Jahr 2024 und nicht im Jahr 2025 verabschiedet. Möglicherweise liegt eine Ungenauigkeit in der Formulierung des Experten vor, oder es handelt sich um einen Verweis auf den Zeitpunkt, zu dem die Norm an den Grenzübergangsstellen praktisch umgesetzt wurde und einen messbaren Effekt in der Statistik hatte. Außerdem wird in parallelen Materialien des Instituts für Demographie (darunter in einer Veröffentlichung auf glavcom.ua) betont, dass bestimmte Kategorien von Ukrainerinnen und Ukrainern im Ausland – beispielsweise solche, die sich bereits in den Arbeitsmärkten Europas integriert haben – am schwersten in die Heimat zurückkehren. Dies widerspricht der These vom erschöpften Massengipfel nicht, zeigt aber, dass „es gibt keine neue Welle“ nicht bedeutet, „dass alle, die gegangen sind, zurückkehren werden“: Der strukturelle Abfluss des am mobilstenen Teils der Bevölkerung bleibt ein Faktor des langfristigen demografischen Drucks.
Der psychologische Abdruck eines mehrjährigen Krieges
Posnjak stellt fest, dass die mehrjährigen Verschärfungen der Beschüsse einen starken psychologischen Abdruck auf die Bevölkerung hinterlassen. Die Lage in der Ukraine ändert sich häufig: „Heute eine Situation, morgen schon eine andere“, und dieses Muster hält seit mehreren Jahren an. Wenn das Gefahrenniveau auf einem ziemlich hohen Niveau bleibt, gewöhnen sich die Menschen daran und akzeptieren es als Gegebenheit, was kurzfristige Migrationsimpulse verringert. Deshalb sind laut Bewertung des Experten Aufrufe, „nach Hause zurückzukehren“, unter den aktuellen Bedingungen irrational: Die Menschen zur Rückkehr zu überzeugen, ohne ihnen objektiv sichere Bedingungen anzubieten, funktioniert nicht und entspricht nicht der realen Motivation derer, die sich entschieden haben, langfristig im Ausland zu bleiben.