Die Entscheidung der Ukrainer, die während des vollumfänglichen Einmarschs gezwungen waren, ins Ausland zu gehen, über eine Rückkehr nach Hause unterliegt nicht einem einzigen, sondern einem ganzen Komplex von Faktoren und hängt keineswegs immer von finanziellen Kennzahlen ab. Dies erklärte der Seniorwissenschaftler des Instituts für Demografie und soziale Forschung M. W. Ptuschka der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kandidat der Wirtschaftswissenschaften, Alexej Posnjak, in einem Interview mit RBC-Ukraine. Nach seiner Einschätzung planen die meisten Flüchtlinge insgesamt, in den Aufnahmeländern zu bleiben – also in jenen Staaten, die sie aufgenommen haben und in denen sie derzeit leben. Dabei betont der Experte, dass solche Antworten auf der Grundlage der aktuellen Situation gegeben werden und sich die Entscheidung über Rückkehr oder Nicht-Rückkehr bei einer Änderung der Lage anders gestalten könnte.
Wer fast sicher nicht zurückkehren wird
Als am unwahrscheinlichsten bezeichnet der Wissenschaftler die Rückkehr junger Frauen, die im Ausland einen Partner gefunden haben: „Es gibt fast keine Chance, dass jemand von ihnen zurückkehrt“, so Posnjak. Gleichzeitig räumt er ein, dass es Einzelfälle gibt, in denen eine Person, die im Ausland einen Partner gefunden hat, gemeinsam mit diesem in die Ukraine umzieht. Solche Situationen seien „nicht einmal ein Prozent, sondern weit weniger als ein Prozent“ und hätten keinen Einfluss auf die Gesamtzahl.
Qualifikation, Preise und Status
Zu den wichtigsten Barrieren zählt der Experte die Unvereinbarkeit von Arbeit und Qualifikation: Die Mehrheit der Ausgereisten arbeitet auf Stellen, die ihrer Ausbildung und Erfahrung nicht entsprechen, und tatsächlich in ihrem Beruf Tätige seien „recht wenige“. Selbst bei einem höheren Einkommen im Ausland kommt der Faktor der höheren Preise in der EU hinzu. Als eigenständigen psychologischen Faktor nennt Posnjak den Unterschied im sozialen Status: „Wenn ein Analyst ausgezogen ist und als Verkäufer in einem Geschäft arbeitet, hinterlässt das einen psychologischen Eindruck und wirkt moralisch“, und die Person kann nach Hause zurückkehren, selbst wenn sie im Ausland mehr verdient. Eine Rolle spielt auch einfach das „Gefühl von Zuhause“, das Streben, in seinem eigenen Land zu leben.
Widersprüchliche Daten
In den Aussagen des Experten ist eine innere Einschränkung enthalten, die ehrlich widergespiegelt werden muss. Einerseits wird ein stabiler Trend festgestellt: Die Mehrheit der Flüchtlinge plant, in den Aufnahmeländern zu bleiben, und die Rückkehr bestimmter Gruppen (vor allem junger Frauen mit neuen Partnern) wird als äußerst unwahrscheinlich eingeschätzt. Andererseits betont Posnjak selbst, dass diese Antworten lediglich einen aktuellen Stimmungsschnitt widerspiegeln und keine endgültigen sind: Bei einer Änderung der Lage kann sich die Entscheidung ändern. Somit koexistieren in seiner Bewertung „Absicht zu bleiben“ und „Möglichkeit zurückzukehren“ als zwei bedingte Szenarien und nicht als sich gegenseitig ausschließende Fakten, und keines von beiden wird als bedingungslos erklärt.
Empfehlung des Experten
Zusammenfassend stellt der Wissenschaftler fest, dass es derzeit „unvernünftig“ sei, die Menschen zur Rückkehr in die Ukraine aufzufordern, da sie im Ausland in relativer Sicherheit seien. Nach seinen Worten müsse die Priorität darin bestehen, die Menschen zu schützen und den Kontakt zu ihnen aufrechtzuerhalten, damit ihr Interesse am Land erhalten bleibe und sie nach Beendigung des Krieges zu konkreten Schritten zur Rückkehr übergehen. So wird die Frage der Rückkehr nach Einschätzung des Demografieinstituts als langfristige und multifaktorielle betrachtet und nicht als Reaktion auf einen einzelnen Umstand.