In Kiew wurde der erste offizielle Schritt zur strafrechtlichen Verfolgung von Alexander Lukaschenko unternommen. Das Büro des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat einen Brief an den Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko gerichtet, in dem er gebeten wird, die Möglichkeit der Einleitung eines Strafverfahrens gegen den belarussischen Führer zu prüfen.
Das Dokument wurde am 28. Juli veröffentlicht. Darin heißt es, dass die Initiative als Reaktion auf eine Anfrage der im Exil lebenden oppositionellen Gruppe „Belarussisches Demokratisches Forum“ entstanden ist. Bereits im Mai hatten Vertreter der Opposition Selenskyj aufgefordert, Lukaschenko für Handlungen zur Verantwortung zu ziehen, die sie als strafbar betrachten.
Reaktion des Präsidentenbüros
Am 28. Juli bestätigte Oleg Tatarow, stellvertretender Leiter des Präsidentenbüros, dass die Anfrage an die Generalstaatsanwaltschaft weitergeleitet wurde. In dem Brief wird gebeten, „entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“, sofern dafür rechtliche Grundlagen bestehen. Somit wurde die Frage der Einleitung eines Verfahrens an die zuständige Behörde zur Prüfung weitergegeben.
Obwohl die Aussichten, dass Lukaschenko vor einem ukrainischen Gericht stehen wird, unklar bleiben, hat die Tatsache einer potenziellen Anklage Bedeutung. Wie Analysten feststellen, könnten solche Schritte von der Ukraine und der belarussischen Opposition als Druckmittel gegenüber dem Westen genutzt werden – insbesondere im Kontext der Verhandlungen Minsks mit den USA über die Aufhebung von Sanktionen im Austausch gegen die Freilassung politischer Gefangener.
Position der Opposition
Der Generalsekretär des „Belarussischen Demokratischen Forums“, Dmitri Bolkunec, erklärte, dass eine strafrechtliche Verfolgung Lukaschenkos „seine persönlichen rechtlichen Risiken und Sicherheitsrisiken erheblich erhöhen würde“. Nach seinen Worten wäre dies ein Akt historischer Gerechtigkeit.
„Dies könnte tiefgreifende Auswirkungen innerhalb Belarus haben, da Lukaschenko dies sehr persönlich nehmen und sich tief um die Folgen sorgen wird“, betonte Bolkunec in einem Kommentar für Reuters.
Kontext internationaler Anklagen
Zuvor hatte die Führung der belarussischen Opposition, Swetlana Tichanowskaja, darauf hingewiesen, dass der Internationale Strafgerichtshof bereits zwei Verfahren gegen Lukaschenko prüft. Das erste betrifft Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das zweite die Beihilfe zur Deportation ukrainischer Kinder.
Zur Erinnerung: Die Behörden Belarus' setzen die Bevölkerung weiterhin durch die erzwungene Überführung von Zivilisten in militärische Strukturen unter Druck. Lukaschenko selbst hat erfundene Gründe für solche Maßnahmen genannt, was bei der Bevölkerung und internationalen Beobachtern Besorgnis auslöst.