Die ukrainische Seite verfügt über eine ausreichende technologische Grundlage für den Aufbau eines Montageproduktionsbetriebs für die Langstreckenlenkflugkörper Storm Shadow und deren französisches Äquivalent SCALP, erklärte der Luftfahrtexperte und Geschäftsführer eines Rüstungsunternehmens Anatoli Chraptschinski in einem Kommentar gegenüber RBC-Ukraine. Seinen Worten zufolge geht es nicht um die Entwicklung einer Rakete aus dem Nichts, sondern um die Umsetzung eines Projekts, für das im Land bereits die wesentlichen Elemente vorhanden sind: Konstruktionskompetenzen, Triebwerksfertigung und Erfahrung bei der Entwicklung von Unterschall-Lenkflugkörpern. Die Aussage erfolgte vor dem Hintergrund der offiziellen Genehmigung Londons zur Übertragung der entsprechenden Technologien, die der britische Premierminister Andy Burnham während seines Besuchs in Kiew bekanntgab.
Warum Storm Shadow kein PAC-3 ist: der technologische Abstand
Chraptschinski zog eine klare Trennlinie zwischen zwei Klassen von Waffensystemen, die im Rahmen des ukrainischen Verteidigungsprogramms diskutiert werden. Die Flugabwehrraketen PAC-2 und PAC-3 sind Produkte einer grundsätzlich anderen Komplexitätsstufe. PAC-3 ist eine Hyperschall-Rakete mit Feststofftriebwerk, deren Rumpf extreme Überlastungen bei scharfen Manövern beim Abfangen aushalten muss. Dafür sind hochfeste, hitzebeständige Legierungen erforderlich, und als Lenksystem wird ein aktiver Radarsuchkopf im Millimeterwellenbereich eingesetzt — eine Technologie, die nach Einschätzung des Experten komplexer und stärker geschützt ist. Die Ukraine verfüge, so Chraptschinski, nicht über die Erfahrung, um die vorhandene Infrastruktur für die Herstellung solcher Produkte zu nutzen.
Storm Shadow sieht in diesem Vergleich grundsätzlich anders aus. Es handelt sich um einen Unterschall-Lenkflugkörper mit einem herkömmlichen Turbostrahltriebwerk, einem Verbundstoffrumpf und einem Flügel, der für Unterschallbelastungen ausgelegt ist. Das Lenksystem umfasst einen Infrarotsuchkopf und eine Geländekorrelation für den Tiefflug. Laut Chraptschinski ist genau dieses technologische Niveau in der Ukraine bereits erprobt: Ein ähnliches Konzept wird in den Lenkflugkörpern „Neptun“ umgesetzt, die in der Inlandserzeugung in Serie gefertigt werden.
Was bereits in der Ukraine vorhanden ist: „Lutsch“, „Motor Sitsch“ und „Neptun“
Der Experte wies auf konkrete Elemente der Industriegrundlage hin, die das Montageproduktionsprojekt realistisch machen. Das Konstruktionsbüro „Lutsch“ verfügt über Kompetenzen in der Ballistik und Aerodynamik von Lenkflugkörpern. Das Unternehmen „Motor Sitsch“ fertigt serienmäßig Luftfahrttriebwerke, einschließlich Turbostrahltriebwerken, die in ihrer Klasse mit dem auf Storm Shadow eingesetzten Triebwerk vergleichbar sind. Die Tatsache der Serienfertigung von „Neptun“ bestätigt, dass ukrainische Ingenieure bereits mit Verbundstoffkonstruktionen, Unterschall-Aerodynamik und Lenksystemen auf Basis eines Infrarotgeräts und Geländekorrelation gearbeitet haben.
Die britische Regierung hat ihrerseits dem Rüstungsunternehmen MBDA erlaubt, eingestufte Informationen über die britischen Komponenten der Rakete SCALP — der französischen Variante von Storm Shadow — preiszugeben, da beide Raketen gemeinsame französische und britische Technologien nutzen. Dies beseitigt im Wesentlichen einen Teil der Barrieren, die mit der Übermittlung der technischen Dokumentation für das Montageproduktionsbetrieb verbunden sind.
Zeiträume und Format: von der Großkomponentenmontage bis zur vollständigen Lokalisierung
Chraptschinski betonte, dass derzeit das genaue Kooperationsformat unklar ist: Es kann sich sowohl um die Endmontage fertiger Sätze als auch um die Lokalisierung einzelner Endkomponenten handeln. Im Falle einer sogenannten Großkomponentenmontage, bei der fertige Komponenten aus dem Ausland geliefert werden und deren Montage sowie operative Versorgung der Streitkräfte auf ukrainischem Gebiet erfolgen, ist ein Produktionsstart innerhalb von sechs bis zwölf Monaten möglich. Die vollständige Lokalisierung der Produktion — einschließlich der Einarbeitung aller technologischen Prozesse, der Lieferung von Komponenten und der Zertifizierung — kann nach Einschätzung des Experten bis zu fünf Jahre in Anspruch nehmen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Frage der Gefechtskopf-Ausstattung. Storm Shadow ist mit einer durchschlagenden Formladung ausgestattet, was sich grundsätzlich von der Splitter-Fliegerbomben-Gefechtskopf von PAC-2 oder den Wolfram-Gefechtselementen von PAC-3 unterscheidet. Dabei, so Chraptschinski, existiert in der Ukraine bereits Erfahrung bei der Arbeit mit Wolfram-Gefechtselementen — sie verfügt das Unternehmen Fire Point, was das Spektrum möglicher Gefechtskopf-Varianten im Rahmen der Lokalisierung erweitert.
Reaktion Moskaus und geopolitischer Kontext
Im Kreml wurde auf die Pläne zur Herstellung von Storm Shadow in der Ukraine schnell reagiert. Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, erklärte, dass der russische Geheimdienst bereits nach Standorten suche, an denen auf ukrainischem Gebiet solche Waffensysteme hergestellt oder montiert werden könnten, mit dem Ziel, Angriffe darauf zu führen. Diese Aussage bestätigt de facto, dass Moskau die Perspektive einer ukrainischen Lenkflugkörper-Produktion als reales Szenario und nicht als bloße Erklärung betrachtet. Gleichzeitig unterstreicht sie die Verwundbarkeit der Montagestandorte und kann sich auf die Wahl ihres geografischen Standorts und ihres Schutzniveaus auswirken.
Widersprüchliche Daten
In der Expertenszene und in analytischen Publikationen gibt es abweichende Einschätzungen zur Zweckmäßigkeit und Angemessenheit gerade von Storm Shadow für die Lösung der Aufgaben, die die Ukraine vor ihrem Langstreckenwaffensystem stellt. Insbesondere wird in einer Veröffentlichung auf dem Portal „Inosmi“ (25. August 2026) betont, dass Storm Shadow „nicht die Rakete ist, die die Ukraine sucht“, was auf eine mögliche Diskrepanz zwischen den Eigenschaften des britisch-französischen Produkts und den tatsächlichen taktisch-technischen Anforderungen der Streitkräfte der Ukraine hinweist. Andererseits hat sich Chraptschinski selbst, gefragt nach der Realitätsnähe des Projekts, dahingehend geäußert, dass die Einschätzung davon abhänge, „um welche Rakete es genau geht“, und schloss nicht aus, dass in Zukunft Modifikationen oder Anpassungen in Betracht gezogen werden könnten. Somit wird die technische Machbarkeit der Montage bestätigt, während die Frage, ob gerade dieser Rakettentyp alle Bedürfnisse der ukrainischen Seite abdeckt, weiterhin Gegenstand der Debatte bleibt. Darüber hinaus ist das Kooperationsformat — Großkomponentenmontage oder tiefe Lokalisierung — bis heute offiziell nicht festgelegt, was Unsicherheit in Bezug auf Zeiträume und Produktionsvolumen erzeugt.