Die Ukraine hat von Großbritannien und Frankreich die Genehmigung erhalten, die Produktion der Langstrecken-Kursraketen Storm Shadow/SCALP aufzubauen. Dies erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj und betonte, dass die Verbündeten die „Lizenz“ für die Herstellung von Munition auf ukrainischem Gebiet „freigegeben“ hätten. Laut dem Medium RBC-Ukraine, das eine Reihe von Interviews mit Vertretern der Verteidigungsbranche geführt hat, stellt der Produktionsstart eine komplexe, mehrstufige ingenieurtechnische Aufgabe dar und keine einfache Montagelinie. Im Juli 2026 wurde in Kiew bereits die Möglichkeit einer Lokalisierung der Produktion von Raketen für die Flugabwehr-Raketensysteme Patriot erörtert; wie Experten jedoch anmerken, sind eine Flugkörper-Kursrakete der Klasse „Luft–Boden“ und eine Flugabwehr-Abfangrakete architektonisch grundlegend verschiedene Erzeugnisse.

Ingenieurtechnische Unterschiede: Warum Storm Shadow kein Patriot ist

Was die ukrainische Verteidigungsindustrie bereits besitzt

Der Ukrainische Rat der Waffenschmiede (Ukrainian Council of Armaments) ist der Ansicht, dass die einheimische Verteidigungsindustrie über ein ausreichendes Kompetenzniveau für die Einarbeitung in die Montage von Raketen dieser Klasse verfügt. Unter der Voraussetzung, dass es sich um eine Großkomponenten-Montage aus fertigen Funktionsblöcken handelt – Kampfkopf, Triebwerk, Hardware und andere Komponenten –, besitzen die ukrainischen Betriebe nach Einschätzung des Rates das notwendige Produktions- und Personalpotenzial. Chrapczynski hob insbesondere die Existenz des Konstruktionsbüros „Lutsch“ und des Werks „Motor Sitsch“ hervor, das bereits Flugzeugtriebwerke herstellt, sowie die Serienproduktion der Raketen „Neptun“ als Beweis für die Reife der Branche. Der CEO des Unternehmens NAUDI, Serhij Hontscharow, ergänzte, dass die ukrainischen privaten Produktionsstätten in Bezug auf den technologischen Ausstattungsniveau bereits vergleichbar mit modernen europäischen Betrieben aussehen; jedoch würden alle am Projekt beteiligten Betriebe technische Audits und Bewertungen der Produktionsbereitschaft gemäß den Anforderungen der westlichen Partner durchlaufen.

„Schraubenzieher-Produktion“ und die Frage der echten Lokalisierung

Die zentrale Frage, die Serhij Hontscharow aufwirft, ist der tatsächliche Lokalisierungsgrad. Seiner Aussage nach werden Teile der kritisch wichtigen Komponenten weiterhin ausschließlich von ausländischen Unternehmen hergestellt: Das Triebwerk wird vermutlich vom französischen Safran geliefert, die elektronischen und Navigationsmodule von MBDA, Leonardo, Thales oder amerikanischen Auftragnehmern. Die Montage der Rakete aus fertigen Funktionsblöcken bezeichnet Hontscharow als „Schraubenzieher-Produktion“ und betont, dass dies nicht mit einer vollständigen technologischen Einarbeitung gleichzusetzen ist. Er merkt an, dass ein bedingter „Garage“ für ein solches Projekt nicht ausreichen würde – die Betriebe müssten den strengen Qualitäts- und Sicherheitsstandards entsprechen, die von europäischen und amerikanischen Verteidigungskonzernen verlangt werden. Der Ukrainische Rat der Waffenschmiede weist seinerseits darauf hin, dass das endgültige Lokalisierungsniveau vom konkreten Kooperationsmodell, den Vertragsbedingungen, dem Umfang der Technologietransfers und den Produktionsspezifikationen abhängen wird, die derzeit nicht öffentlich offengelegt werden.

Zeiträume: vom Optimismus zur Vorsicht

Drei von RBC-Ukraine befragte Quellen sind sich darin einig, dass es hier nicht um Wochen oder sogar Monate geht, sondern mindestens um ein Jahr und mehr. Der Ukrainische Rat der Waffenschmiede schätzt die Einrichtung der Großkomponenten-Montage unter der Voraussetzung der Übermittlung der technischen Dokumentation, Sätze und Prüf- und Testausrüstung durch die Partner auf mindestens 8–10 Monate. Anatolij Chrapczynski nennt einen Zeitraum von 6–12 Monaten für den Aufbau der Montage aus fertigen Sätzen und bis zu fünf Jahren für die vollständige Lokalisierung der Produktion. Serhij Hontscharow nimmt die zurückhaltendste Position ein: Nach seiner Einschätzung wird niemand die Produktion in sechs Monaten starten, und selbst innerhalb eines Jahres wird dies äußerst schwierig sein. Die Hauptschwierigkeit besteht seiner Aussage nach im Sicherstellen eines ausreichenden Lokalisierungsgrads der Komponenten, die derzeit ausschließlich von ausländischen Unternehmen hergestellt werden und deren Übermittlung eine gesonderte politische und kommerzielle Abstimmung erfordert.

Widersprüchliche Daten

In den Einschätzungen der Experten und den offiziellen Erklärungen der Seiten zeigen sich erhebliche Abweichungen. Auf der einen Seite äußern ukrainische Fachleute und der Rat der Waffenschmiede Zuversicht über die Bereitschaft der Branche für das Projekt und nennen realistische Zeiträume von 6–12 Monaten für den Montagestart. Auf der anderen Seite erklärt der US-Oberst Wilkerson, dessen Meinung in offenen Quellen zitiert wird, direkt, dass die Ukraine die Herstellung von Storm-Shadow-Raketen in absehbarer Zeit nicht einrichten wird. Auch die Rhetorik unterscheidet sich: In Kiew liegt der Schwerpunkt auf der „Freigabe der Lizenz“ und dem souveränen Recht auf Produktion, während in den offiziellen russischen Erklärungen (insbesondere von Marina Sacharowa) die Formulierung von der „Übertragung der Technologien“ durch Großbritannien verwendet wird, was einen anderen Charakter des Abkommens impliziert. Darüber hinaus spiegelt die Abweichung in den Zeiträumen zwischen den drei ukrainischen Quellen (von 6 bis 12 Monaten für die Montage und bis zu 5 Jahren für die vollständige Lokalisierung) die Ungewissheit hinsichtlich des Technologietransferniveaus wider, das derzeit in öffentlichen Dokumenten nicht festgehalten ist. Die genauen Zeiträume, wie der Rat der Waffenschmiede anmerkt, können erst genannt werden, nachdem die konkreten technischen Anforderungen, das Lokalisierungsniveau und die Bedingungen des Abkommens verstanden wurden.