Die Ukraine steht vor der Bedrohung, die Anbauflächen für die kommende Ernte um 5–7 Millionen Hektar zu verringern. Laut dem Ministerium für Agrarpolitik und Lebensmittel seien die Ursachen ein Mangel an Lagerkapazitäten für Getreide und ein akuter Mangel an Betriebskapital in den landwirtschaftlichen Betrieben. Systematische Angriffe auf die Hafeninfrastruktur des Großen Odessa-Gebiets hätten, so die Einschätzung des Ministeriums, eine Krise im gesamten Agrarsektor ausgelöst. Die Lage und einen Unterstützungsplan für die Landwirte besprachen der Leiter des Agrarministeriums Taras Wysotskyj und Vertreter von UN-Organisationen.

Krise bei der Getreidelagerung

Wie der Minister sagte, könnte der Mangel an Lagerkapazitäten für die Ernte schon diesen Herbst 11 Millionen Tonnen erreichen. Zur Lösung dieser Aufgabe seien nach Berechnungen des Ministeriums rund 44 Millionen Dollar erforderlich. Die Zerstörung von Getreidespeichern und Terminals sowie die ständigen Beschuss- und Minenlegungsaktionen in den Grenzgebieten führen dazu, dass die für die Aussaat geeigneten Flächen deutlich abnehmen.

Mangel an Betriebskapital und Kreditierung

Die zweite, nach Einschätzung Wysotskyjs nicht weniger kritische Aufgabe, bestehe darin, den Landwirten Betriebskapital bereitzustellen. Selbst wenn das Getreide in den Silos gelagert werden kann, müssen die Betriebe monatlich ihre operativen Kosten decken und Löhne auszahlen. „Die größte Herausforderung heute ist die Kompensation der Zinssätze für Kredite“, betonte der Minister. Um die bevorzugte Kreditierung zu erhalten, hat die Ukraine bereits bei der Europäischen Union die Zuteilung von 220 Millionen Euro beantragt.

Hilfe der UN und der EU

Die UN-Organisationen bestätigten ihre Bereitschaft, Ressourcen zur Unterstützung des ukrainischen Agrarsektors zu mobilisieren. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP) werden den Landwirten bis zu 10.000 Getreidesilos und modulare Speicher übergeben. Die ersten Lieferungen werden in Kürze erwartet, wobei 60 % der Ausrüstung in die Grenzregionen verbracht werden sollen. UN-Koordinator Matthias Schmale in der Ukraine versicherte, die Hauptaufgabe bestehe darin, die Ausrüstung schnell bereitzustellen und humanitäre Instrumente einzusetzen, um dem Agrarsektor zu helfen, die Herausforderungen zu überwinden.

Angriffe auf die Hafeninfrastruktur

Russische Truppen führen regelmäßig Angriffe auf die Hafen- und Logistikinfrastruktur im Süden der Ukraine durch. Ziel dieser Angriffe ist es, den maritimen Nahrungsmittelausfuhr zu blockieren und die Wirtschaft des Landes zu untergraben. Zusätzliche finanzielle Unterstützung sucht die Ukraine über die Weltbank und private Fonds. Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch eine neue Eskalation und eine mögliche Blockade der Schwarzmeerhäfen sind die Weltmarktpreise für Weizen auf ein Dreijahreshoch gestiegen.

Widersprüchliche Daten

In Veröffentlichungen verschiedener Medien wird das Ausmaß der potenziellen Verluste unterschiedlich dargestellt. In Berichten von RBC-Ukraine und einer Reihe anderer Medien ist die Rede von einem Risiko, die Anbauflächen „um ein Drittel“ zu verringern, während im Text der Mitteilung des Landwirtschaftsministeriums die konkrete Zahl von 5–7 Millionen Hektar genannt wird. Diese Schätzungen sind nicht identisch: „Ein Drittel“ der ukrainischen Anbauflächen entspricht rund 7 Mio. ha, was nur der oberen Grenze des Ministeriumsbereichs entspricht. Das Ungleichgewicht erklärt sich also dadurch, dass einige Schlagzeilen die Zahl des Ministeriums runden oder verallgemeinern, während der Basisbereich von 5–7 Mio. ha die offizielle Schätzung bleibt.

Globale Folgen

Experten warnen, dass die Fortsetzung der Seeblockade und die systematischen Angriffe auf die Logistik die Aussaatkampagne im nächsten Jahr gefährden könnten. Dies birgt nicht nur die Gefahr einer erheblichen Verringerung der Getreideproduktion in der Ukraine, sondern auch eine Vertiefung der globalen Nahrungsmittelkrise. Die Beschussaktionen gegen die Agrar- und Hafeninfrastruktur im Schwarzen Meer schaffen langfristige Bedrohungen für den Weltmarkt für Nahrungsmittel.