Der Machtwechsel in Budapest hat den Beziehungen zwischen der Ukraine und Ungarn neuen Auftrieb gegeben: Die seit Jahren aufgeheizte politische Temperatur ist spürbar gesunken, obwohl ein vollständiges Treffen von Wolodymyr Selenskyj und Péter Márki-Zay noch nicht stattgefunden hat, da beide Staatsführer zu sehr eingebunden sind. Dies berichtete der ukrainische Botschafter in Ungarn, Fedor Shandor, in einem Interview mit RBC-Ukraine, in dem er auch die Entblockierung der europäischen Integration der Ukraine, die Untersuchung des Falls der Kassierfahrer und die militärische Zusammenarbeit beider Länder kommentierte.
Neue Atmosphäre in Budapest
Laut dem Diplomaten waren die Wahlen selbst ein objektiver Faktor für die Abkühlung der Beziehungen, während die subjektive Seite direkt von russischen Netzwerken beeinflusst wurde: von der Informationsaufklärung bis hin zum „Schmuddeln', zur Aufhängung von Werbebannern gegen die ukrainische Führung und dem Auftreten sogenannter „Titushki' in der Stadt Győr – etwas, das in der Geschichte ungarischer Wahlkampagnen zuvor nicht beobachtet worden war. Heute, so Shandor, haben sich antiukrainische Narrative in ungarischen Medien nicht nur verringert, sondern praktisch verschwinden; gegen diejenigen, die sie verbreitet haben, werden Strafverfahren eingeleitet und sie zur Rechenschaft gezogen.
Reinigung des Systems und die Lektion bezüglich Russland
Die Ära von Viktor Orbán ist nach Einschätzung des Botschafters endgültig zu Ende: Die vom neuen Parlament beschlossenen Änderungen der Verfassung machen eine Rückkehr in das Amt des Ministerpräsidenten unmöglich. Die politische Reinigung des Systems von Personalentscheidungen des vorherigen Regimes, die sich über 16 Jahre hinweg verfestigt haben, läuft auf vollen Touren. Shandor betont dabei, dass hinter dem politischen Druck und der Dämonisierung Kiiews in großem Maße russische Geheimdienste standen, die Orbán halfen: „Die Ungarn haben eine großartige Lektion gelernt: Man sollte nichts mit Russen zu tun haben, denn sie bringen nur Schaden.' Die neue Regierung sieht sich auch mit unvorhergesehenen Schwierigkeiten konfrontiert, wie dem sinkenden Wasserstand in der Donau, was eine ständige Überwachung durch die Behörden erfordert.
Eurointegration und die „100 Tage'
Trotz anhaltender Schwierigkeiten zeigt die Regierung Márki-Zays eine beispiellose Offenheit in Fragen des ungarischen Minderheiten in der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und anderen Bereichen; Kiew und Budapest führen Dialoge über neue Kooperationsbereiche, die zur Zeit Orbáns unmöglich waren. Gleichzeitig hat Budapest die Eröffnung der vier Verhandlungskluster für den Beitritt der Ukraine zur EU noch nicht freigegeben. Shandor ruft dazu auf, dies nicht als Tragödie zu betrachten: Die Regierung ist erst seit 80 Tagen im Amt, und der neuen Regierung sollte mindestens 100 Tage gegeben werden, bevor man Schlussfolgerungen zieht. Péter Márki-Zay muss auch konstruktive Beziehungen zu Brüssel und den Nachbarn wiederherstellen, die von seinem Vorgänger beschädigt wurden.
Fall der Kassierfahrer und militärische Zusammenarbeit
Zu den praktischen Ergebnissen der neuen Dynamik zählt der Botschafter die Untersuchung des Falls der entführten ukrainischen Kassierfahrer, die laut Medienberichten nahe am Abschluss ist und zu 95 % aufgeklärt wurde, sowie die Entwicklung der militärischen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern – Bereiche, die zuvor durch den politischen Konflikt blockiert waren. Die Ukraine und Ungarn haben laut dem Diplomaten bereits einen Aktionsplan zur Beilegung jahrelanger Streitigkeiten erarbeitet und das bewegt, was fast ein Jahrzehnt lang nicht erreicht werden konnte.
Zugang zu Machtstrukturen und Medien
Was den Zugang zu Regierungsämtern betrifft, so stellt Shandor fest, dass es mit den Medien auch in Zeiten angespannter Beziehungen keine Probleme gab: Seit anderthalb Jahren gibt es beim Botschaft ein Experten- und Journalistenforum, in dem monatlich dringende Fragen der ukrainisch-ungarischen Beziehungen diskutiert werden. Aufgrund der Umstrukturierung der Ministerien und des Zuzugs neuer Personen hat sich die Anzahl der Kontakte vorübergehend verringert, jedoch wurden die Verbindungen in den wichtigsten Bereichen, in denen die Ukraine dringend Bedarf hatte, bereits wiederhergestellt, und mit den neu geschaffenen Ministerien, in denen zuvor keine Kontakte bestanden, wird der Dialog schrittweise aufgebaut. Der Botschafter fasst zusammen: Die Zeit nach den Wahlen in Ungarn ist durch erhebliche Veränderungen gekennzeichnet, und für den Aufbau eines vollständigen Dialogs ist Zeit erforderlich.