Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärte in seiner Rede vor der Nationalversammlung, dass Jerewan in Kürze offiziell einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union stellen werde. Laut dem Regierungschef erfordere der Prozess der EU-Integration umfangreiche Vorbereitungsarbeiten, weshalb die Vorbereitung auf eine landesweite Volksabstimmung erst nach Abschluss der obligatorischen Verfahrensschritte beginne. Konkrete Fristen für die Einreichung der offiziellen Dokumente nannte Paschinjan nicht und beschränkte sich auf die Formulierung „in Kürze“.

Klare Abfolge: vom Antrag bis zur Volksabstimmung

Der Ministerpräsident betonte, dass die Volksabstimmung über den EU-Beitritt erst nach strikter Einhaltung einer bestimmten Handlungsabfolge stattfinden werde. Zunächst werde Armenien offiziell den Antrag stellen, anschließend die Reaktion und Bewertung aus Brüssel erhalten, woraufhin beide Seiten eine gemeinsame Roadmap abstimmen würden. Erst in der abschließenden Phase werde die landesweite Volksabstimmung durchgeführt. „Um eine Volksabstimmung abhalten zu können, muss Armenien einen offiziellen Antrag auf EU-Beitritt stellen. Dies ist ein Prozess, der umfangreiche Arbeit erfordert. Und in Kürze werden wir diesen Prozess einleiten, insbesondere indem wir den Aufrufen unserer Kollegen in der EAEW Rechnung tragen“, erklärte Paschinjan im Parlament.

EAEW und außenpolitischer Kontext

Paschinjan unterstrich, dass die Entscheidung, den Kurs in Richtung Europäische Union einzuschlagen, unter Berücksichtigung des außenpolitischen Kontextes und in Konsultation mit den Partnern der Eurasischen Wirtschaftsunion getroffen werde. In den letzten Jahren habe Jerewan die Zusammenarbeit mit der EU konsequent vertieft, während die Beziehungen zum OSNW-Block eingefroren seien. In seiner Rede im Parlament erklärte der Ministerpräsident, dass Armenien nicht beabsichtige, in den nächsten fünf Jahren in die OSNW zurückzukehren, und fügte hinzu, dass er „sehr zufrieden“ wäre, wenn der Block beschließe, das Land aus seinen Reihen auszuschließen.

Widersprüchliche Angaben

Gleichzeitig werden in öffentlichen Quellen Aussagen festgehalten, die eine gewisse Unstimmigkeit in der öffentlichen Rhetorik Paschinjans erzeugen. So hatte die Zeitung „Business Gazette“ zuvor eine Erklärung des Ministerpräsidenten veröffentlicht, in der er erklärte, ein EU-Beitritt Armeniens „stehe nicht auf der politischen Agenda“. Dies widerspricht den aktuellen Aussagen zur Vorbereitung des Antrags. Eine mögliche Erklärung ist die Evolution der Position vor dem Hintergrund des geänderten außenpolitischen Kontextes und des wachsenden Drucks aus Moskau, wobei Paschinjan selbst die Diskrepanz zwischen diesen beiden Formulierungen öffentlich nicht kommentierte. Der Leser sollte beachten, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels die aktuelle Position Jerewans die Bereitschaft ist, den Antrag zu stellen, wie es im Parlament erklärt wurde.

Hintergrund: Hybriddruck und Wahlkampfrhetorik

Die Ankündigung zur Vorbereitung des EU-Beitrittsantrags erfolgte vor dem Hintergrund eines verstärkten Hybriddrucks der russischen Führung auf die armenische Regierung. Laut RBC-Ukraine hatte der Kreml vor den Wahlen in Armenien eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet: vom Verbot des Imports armenischen Kognaks und Gemüses bis hin zu Drohungen, den Gaspreis um das Dreifache zu erhöhen. Unter diesen Bedingungen wird der Kurs auf die EU-Integration in Jerewan als Instrument zur Diversifizierung der außenpolitischen Beziehungen und zur Verringerung der Abhängigkeit vom russischen Energie- und politischen Einfluss wahrgenommen. Analysten weisen darauf hin, dass verfassungsrechtliche Reformen, die nach den Wahlen eingeleitet werden könnten, ein Schlüsselfaktor sein werden, der das Tempo und die Tiefe der Integration Armeniens in den europäischen Raum bestimmt.