Angesichts rekordhoher Vorräte in den unterirdischen Gasspeichern (UGS) und sinkender inländischer Nachfrage haben private Händler damit begonnen, Erdgas aus ukrainischen UGS an europäische Abnehmer zu verkaufen. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf Daten des Europäischen Netzbetreibers der Gasfernleitungssysteme (ENTSO-E). Laut dem Medium hat eines der privaten Energieunternehmen im Zeitraum vom 9. bis 11. September 2026 rund 2 Mio. m³ Gas nach Polen geliefert, das in ukrainischen UGS im Status „Zollfreilager“ gebucht ist; die Lieferungen erfolgen seither täglich.

Überschuss im Untergrund und erste Lieferungen nach Polen

Die Marktlogik für den Verkaufsstart ist einfach: Die Gasvolumina in den ukrainischen Untergrundgasspeichern haben die Planwerte überschritten, während der inländische Verbrauch gesunken ist. Dadurch entstand ein Überschuss, den es den Unternehmen nicht mehr lohnend erschien, im Land zu halten. Der Verkauf der überschüssigen Volumina auf dem europäischen Markt ist einer der Mechanismen zur Ausbalancierung des Binnenmarkts und zur Stabilisierung der Situation bei der Ressourcenüberfüllung. Besonders wird darauf hingewiesen, dass das nach Polen verbrachte Gas im Status „Zollfreilager“ war, also faktisch bereits für den Transit oder die Lagerung in einem besonderen Zollstatus deklariert war.

Preisunterschied als Haupttreiber

Der entscheidende Anreiz für die Händler war der Preisunterschied: Die inländischen Erdgaspreise in der Ukraine liegen derzeit fast doppelt so niedrig wie die europäischen. Diese Disproportion erschwert die Vermarktung der Ressource im Inland erheblich und macht den Export nach Europa zu einer wirtschaftlich rationalen Entscheidung für private Akteure. Genau deshalb haben die Lieferungen nach Polen einen regelmäßigen, täglichen Charakter und sind keine einmalige Aktion.

Vorräte deutlich über dem kritischen Minimum

Laut öffentlichen Daten haben die Gasvorräte in den ukrainischen UGS 15 Mrd. m³ überschritten, was ein mehr als ausreichendes Volumen für die Überbrückung der Heizsaison darstellt. Zum Vergleich: Die Ministerpräsidentenkanzlei hatte zuvor erklärt, dass das „kritisch notwendige Minimum“ für den Winter nach Erfahrung der Vorjahre mindestens 13,2 Mrd. m³ im Untergrund beträgt. Der aktuelle Vorrat übersteigt die Sicherheitsschwelle also mit deutlichem Puffer, was es erlaubt, Überschüsse ohne Risiko für die Winterversorgung ins Ausland zu verkaufen.

Kontext der bilateralen Flüsse und Export der Förderung

Die Situation ist in einem breiteren Kontext der bilateralen Gasbeziehungen zu betrachten. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte zuvor erklärt, dass Polen darauf vorbereitet ist, der Ukraine zusätzliche Gasvolumina zu liefern, die Flüsse zwischen den Ländern laufen also in beide Richtungen. Parallel wurde in der Ministerpräsidentenkanzlei die Wiederaufnahme des Exports ukrainischen Gases in Höhe von bis zu 15 % der Förderung diskutiert. Diese Initiativen betreffen in erster Linie die geförderte Ressource und den formalisierten Export, während die beschriebenen Händlerlieferungen den Verkauf bereits in UGS gelagerten Gases im Status „Zollfreilager“ darstellen.

Widersprüchliche Daten

Im öffentlichen Raum existieren zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen. Einerseits betonen offizielle Erklärungen (auch der polnischen Seite) die Gaslieferungen in die Ukraine und die Vorbereitung auf die Wiederaufnahme des formalisierten Exports der geförderten Ressource in Höhe von bis zu 15 % der Förderung. Andererseits dokumentieren die ENTSO-E-Daten reale Lieferungen von Gas aus ukrainischen UGS nach Polen durch private Händler. Diese Versionen schließen sich nicht gegenseitig aus: Es geht um verschiedene Mechanismen (bilaterale staatliche/vertragliche Flüsse versus Marktvverkauf angesammelter Überschüsse) und um verschiedene physische Gaspartien (gefördertes versus in „Zollfreilager“ gelagertes Gas). Dennoch wird dies in den Medien häufig als Widerspruch in den Lieferrichtungen dargestellt, was vom Leser eine Abgrenzung der beiden Ebenen – staatliche Exportpolitik und private Handelstätigkeit – erfordert.