Im vergangenen Jahrzehnt haben ukrainische Kunstprojekte auf Burning Man – einem der weltweit bekanntesten Festivals für Kunst, Freiheit und Selbstausdruck, das jährlich in der Black-Rock-Wüste im US-Bundesstaat Nevada stattfindet – einen beeindruckenden Weg zurückgelegt. Waren die ukrainischen Präsenzen Anfang der 2010er-Jahre noch durch futuristische Konstruktionen und Lichtexperimente geprägt, so spricht die Kunst aus der Ukraine Mitte der 2020er-Jahre auf internationaler Ebene über Krieg, Erinnerung und Widerstandsfähigkeit. Laut dem Medium Wave RBC.UA haben ukrainische Autoren das Festival in zehn Jahren zu einer Plattform gemacht, auf der nationale Identität, traditionelles Handwerk und politisches Statement zu einer einzigen visuellen Sprache verschmelzen.

Von Kurenivka bis „Sorry“: die ersten Schritte in der Wüste

Das erste offizielle ukrainische Lager auf Burning Man war Kurenivka, gegründet im Jahr 2017. Ab diesem Moment verfügte die ukrainische Community über eine stabile Infrastruktur zur Präsentation ihrer Werke. Bereits 2018 sah das Festival eine der auffälligsten Installationen des Jahrzehnts – „Sorry“ des Künstlers Alexej Saj. Ein riesiger Schriftzug von etwa 25 Metern Länge stellte die Bedeutung des Wortes „Entschuldigung“ in Frage: In der Absicht des Autors konnte dieses gewöhnliche Wort zu einer Barriere werden, hinter der sich ein Mensch vor dem wahren Gehalt seiner Taten und Worte verbirgt. Das Projekt wurde von der Organisation Nova Ukraine zusammen mit dem Generalkonsulat der Ukraine in San Francisco unterstützt, ein Teil der Finanzierung kam vom Außenministerium der Ukraine.

„Catharsis“: Petrykivka-Malerei und 3D-Druck in einem Objekt

2019 wurde die ukrainische Präsenz auf dem Festival noch größer. Das zentrale Projekt war die Installation „Catharsis“ – ein dreimetergroßer Schmetterling, dessen Flügel im Stil der Petrykivka-Malerei gestaltet waren. In der Mitte der Konstruktion befand sich ein per 3D-Druck hergestelltes menschliches Herz. Die Autoren verknüpften das Bild des Schmetterlings mit dem Prozess der inneren Transformation und wollten die ukrainische traditionelle Kunst in einem modernen Format zeigen. Das Werk wurde in die Auswahl der auffälligsten Kunstobjekte von Burning Man 2019 nach Angaben von Forbes aufgenommen, was eine wichtige internationale Anerkennung der ukrainischen Kunstszene darstellte.

Pandemie und Wendepunkt: 2020–2022

Die COVID-19-Pandemie unterbrach den üblichen Rhythmus des Festivals: 2020 und 2021 fand Burning Man nicht im traditionellen Format statt. Nach Beginn der vollen Invasion Russlands im Jahr 2022 lenkte die ukrainische Burner-Community einen erheblichen Teil ihrer Bemühungen auf die Hilfe für die Ukraine um. Das Festival selbst schrieb gesondert über ukrainische Teilnehmer, die humanitäre Hilfe und den Einkauf medizinischer Güter organisierten. Gleichzeitig erhielt die ukrainische Präsenz auf Burning Man neue Inhalte: Die Kunst wurde zu einer Möglichkeit, mit einem internationalen Publikum über den Krieg zu sprechen, das möglicherweise nicht die Nachrichtenseiten verfolgt, aber sieht und miterlebt, was in der Wüste geschieht.

2023: „Igel-Tempel“ und „Ukrainischer Phönix“

2023 präsentierte die Ukraine gleich zwei ikonische Werke. Der „Igel-Tempel“ (The Hedgehog Temple), geschaffen von der ukrainischen Community Kurenivka, basierte auf mehr als 100 Panzersperren („Igel“); das Gesamtgewicht der Metallkonstruktion betrug etwa 2,7 Tonnen. Das Werk wurde zu einem Denkmal für die Ukrainer, die nach Beginn der vollen Invasion ums Leben gekommen waren. Die zweite Installation – Ukrainian Phoenix – wurde zur ersten ukrainischen Ritualarbeit, die im Rahmen des traditionellen Abschlussrituals des Festivals verbrannt wurde. Der Phönix, der aus der Form des ukrainischen Dreizacks entstand, war als Symbol der Wiedererstehung der Ukraine nach den Verwüstungen des Krieges konzipiert. Dies war ein wichtiger Wendepunkt: Die ukrainischen Autoren präsentierten nicht mehr nur ihre eigene Kultur – sie schufen das Bild eines Landes, das einen Krieg durchlebt und zugleich über die Zukunft spricht.

„I'm Fine“: Kunst aus den Trümmern des Krieges

2024 erschien auf Burning Man eines der stärksten ukrainischen Werke der letzten Jahre – „I'm Fine“ von Alexej Saj. Die gigantische Konstruktion von etwa 32 Metern Länge und etwa 7 Metern Höhe wurde aus echten Materialien erstellt, die während des Krieges in der Ukraine beschädigt wurden: Straßenschilder, Zäune, Satellitenschüsseln und andere Metallkonstruktionen mit Kugelspuren und Trümmern. Der Name verweist auf den populären Meme „This Is Fine“, in dem eine Figur gelassen in einem brennenden Raum sitzt. Im ukrainischen Kontext erhält der Satz „mir geht es gut“ eine bittere Bedeutung und wird zur Metapher des Lebens unter ständiger Bedrohung. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit von Alexej Saj, dem Projekt Ukrainian Witness, dessen Gründer Witalij Deinjeha und dem DJ Anatolij Tapolski.

„Black Cloud“: wenn die Wüste zur Mitautorin wird

2025 wurde die ukrainische Präsenz auf Burning Man zu einer der größten. Zu den Hauptwerken zählte „Black Cloud“ von Alexej Saj: eine gigantische aufblasbare Konstruktion in Form einer schwarzen Gewolke von etwa 30 Metern Länge, 15 Metern Höhe und fast acht Tonnen Gewicht. Darin erklangen Aufnahmen von Explosionen, Artilleriebeschuss und anderen Kriegslauten, Lichteffekte imitierten Blitze; an der Erstellung des Soundtracks war der ukrainische Musiker Involver beteiligt. Diesmal jedoch wurde die Wüste selbst zum Teil der Geschichte des Werks: Kurz nach der Aufstellung zerstörte ein starker Staubsturm die Konstruktion. Die Installation hielt dem Unwetter nicht stand und wurde innerhalb kurzer Zeit zerstört. Dieser Vorfall verstärkte nur die Resonanz des Werks und verwandelte es in ein Symbol der Zerbrechlichkeit und zugleich der Widerstandsfähigkeit – genau dem, worüber die ukrainischen Künstler während des gesamten Jahrzehnts gesprochen hatten.