Der ukrainische Botschafter in der Türkei, Nariman Dschelal, hat im Interview mit RBC-Ukraine Details zur bilateralen Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Rüstungsbereich offenbart und dabei betont, dass Ankara ein anhaltendes Interesse an einer Partnerschaft mit Kiew zeigt, sich diesem Bereich jedoch mit der für die türkische Diplomatie charakteristischen Vorsicht nähert. Laut dem Diplomaten hat die türkische Rüstungsindustrie in den letzten 10–15 Jahren ein dynamisches Wachstum erfahren und ist heute ein bedeutender regionaler und sogar globaler Akteur, was die Form der Zusammenarbeit mit der Ukraine besonders sensibel und vielschichtig macht.

Das Wachstum der türkischen Rüstungsindustrie als Faktor der Vorsicht

Dschelal hob hervor, dass der türkische Staat gezielt in die Entwicklung des nationalen Verteidigungs- und Rüstungskomplexes investiert und diesen als strategische Priorität ausformuliert. Als anschauliches Beispiel nannte der Botschafter das türkische Unternehmen HAVELSAN, das einen direkten Vertrag mit der NATO geschlossen hat. „Ist das nicht ein Beleg für die Anerkennung ihrer Arbeitsergebnisse?“, betonte der Diplomat und wies darauf hin, dass solche Verträge die Reife der türkischen Verteidigungsindustrie und ihre Fähigkeit, international zu konkurrieren, bestätigen. Genau dieser Faktor bedinge, wie er sagte, den vorsichtigen Ansatz Ankaras gegenüber jeglichen Formen der gemeinsamen Produktion oder des Technologietransfers mit Drittländern, einschließlich der Ukraine.

Die ukrainische Erfahrung ruft Respekt hervor, doch die Türkei strebt nach Autonomie

Nariman Dschelal unterstrich, dass die ukrainische Erfahrung im Verteidigungsbereich – von der Entwicklung von Drohnen bis zur Anpassung westlicher Systeme – in der Türkei aufrichtigen Respekt und Interesse wecke. Gleichzeitig, so der Botschafter, formiere Ankara konsequent Autonomie, nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch im Verteidigungsbereich. Das bedeute, dass die Türkei auf maximale Unabhängigkeit in der Entwicklung und Produktion von Waffen abziele, was den Raum für eine direkte gemeinsame Produktion einschränke, aber Formate des Technologieaustauschs, gemeinsamer Forschung und gegenseitiger Beschaffungen nicht ausschließe.

Im weiteren Kontext: Militärzusammenarbeit und Sicherheitsgarantien

Die Aussagen des Botschafters zur Verteidigungszusammenarbeit fügen sich in den weiteren Kontext der ukrainisch-türkischen Beziehungen ein. Zuvor hatte Dschelal die Möglichkeit einer Beteiligung türkischer Streitkräfte an den Mechanismen der „Sicherheitsgarantien“ für die Ukraine in Betracht gezogen und darauf hingewiesen, dass Ankara wiederholt zur Freilassung ukrainischer Militär- und Zivilpersonen aus russischer Gefangenschaft beigetragen habe, obwohl ein Teil der türkischen Initiativen in dieser Richtung auf Blockaden seitens Moskaus stoße. Der Diplomat hatte zuvor auch davor gewarnt, dass im Falle einer Niederlage der Ukraine als Nächstes der Kaukasus und die Türkei selbst unter Druck geraten würden, was das strategische Interesse Ankaras an der Wahrung der ukrainischen Souveränität unterstreiche.

Perspektiven und Einschränkungen

Zusammenfassend bleibt die verteidigungs- und rüstungsbezogene Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und der Türkei in einer Phase der aktiven, aber vorsichtigen Entwicklung. Einerseits verfügen beide Seiten über komplementäre Kompetenzen: die Ukraine über Kampferfahrung und innovative Entwicklungen, die Türkei über eine reife Produktionsbasis und staatliche Unterstützung der Rüstungsindustrie. Andererseits schaffen das Streben Ankaras nach Verteidigungautonomie und seine mehrvektorige diplomatische Strategie zusätzliche Einschränkungen für eine Vertiefung der Partnerschaft. Nach Einschätzung des Botschafters werde die entscheidende Bedingung für weitere Fortschritte darin bestehen, dass Kiew Formate der Zusammenarbeit anbieten kann, die von Ankara nicht als Bedrohung seiner strategischen Unabhängigkeit wahrgenommen werden.