Der Botschafter der Ukraine in der Türkei, Nariman Dschelal, hat in einem exklusiven Interview mit RBC-Ukraine ausführlich über den aktuellen Stand der ukrainisch-türkischen Beziehungen, die Perspektiven einer Waffenruhe im Schwarzen Meer, die Vorbereitung der Initiative Drone Deal sowie über gemeinsame Projekte in den Bereichen Energie und Verteidigungsindustrie gesprochen. Seinen Worten zufolge bleibt Ankara eine zentrale diplomatische Plattform für Kontakte zwischen Kiew, Moskau und Washington, doch die faktische Einfrierung des Verhandlungsprozesses wird von der türkischen Seite mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. „Ich persönlich bin der Meinung, dass die Türkei politisch auf unserer Seite steht. Aber es ist ein Land, für das seine eigenen Interessen Vorrang haben“, betonte der Diplomat.
Doppeltes Modell: Unterstützung Kiews und Pragmatismus gegenüber Moskau
Die Türkei hat seit der Zeit der russischen Besetzung der Krim ein besonderes Modell der Beziehungen zu beiden Hauptstädten aufgebaut. Auf der einen Seite – die unveränderliche Unterstützung der territorialen Integrität der Ukraine, gemeinsame Verteidigungsprojekte und humanitäre Hilfe. Auf der anderen Seite – die pragmatische Fortsetzung des Handels mit Russland und die Verweigerung, sich den internationalen Sanktionen gegen den Aggressorstaat anzuschließen. Dschelal gibt zu, dass nach jedem ernsthaften Schritt Ankars zur Unterstützung der Ukraine negative Folgen für die türkisch-russischen Beziehungen folgen können. „Als Diplomat verstehe ich das ganz klar“, merkte er an. Gleichzeitig betont der Botschafter, dass es ein Irrtum wäre zu glauben, die Türkei tue nichts: „Manche ihrer Schritte sind sichtbar, und manche müssen hinter den Kulissen bleiben“.
Schwarzes Meer: Eskalation und spiegelbildliche Antworten
Das empfindlichste Thema im ukrainisch-türkischen Dialog bleibt die Sicherheit im Schwarzen Meer. Laut Dschelal wurde der Tod türkischer Seeleute infolge von Angriffen auf Handelsschiffe für Ankara zu einem besonders schmerzhaften Faktor. „Wir sagen ehrlich, dass die ständigen russischen Schläge gegen unsere Hafeninfrastruktur, gegen Handelsschiffe, uns dazu zwingen, spiegelbildlich zu handeln und auf diese Angriffe zu antworten“, erklärte der Botschafter. Er gibt zu, dass dies eine gewisse Eskalation darstellt, die den türkischen Partnern nicht gefällt. Die Angriffe Russlands auf Schiffe unter türkischer Flagge in ukrainischen Gewässern demonstrieren seiner Einschätzung nach „offensichtlich eine negative Haltung gegenüber der Unterstützung, die die Türkei der Ukraine und dem Friedensprozess leistet“. Die einzige Spur, die vorangebracht werden konnte, war die Freilassung und der Austausch von Kriegsgefangenen und Zivilisten – hier kam es laut dem Diplomaten zu einem „erheblichen quantitativen Anstieg“.
Verhandlungen: Alle sind bereit, nur der Kreml nicht
Dschelal weist direkt auf Russland als die einzige Seite hin, die kein Verlangen zeigt, echte Verhandlungen zu führen. „Die Türken sind bereit, wir sind bereit, die Amerikaner sind bereit. Alle sind bereit, nur der Leiter des Kremls und sein Umfeld nicht“, erklärte er. Seinen Worten zufolge hat der ukrainische Präsident wiederholt seine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, sich mit Wladimir Putin auf türkischem Gebiet zu treffen, doch alle Treffen auf einer Ebene unterhalb der Staatsführer werden als wenig wirksam wahrgenommen. Der Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine, wie der Botschafter anmerkt, wies auf die Absicht Moskaus hin, den Winterzeitraum zur Stärkung der diplomatischen Positionen „durch Terrorisierung der ukrainischen Bevölkerung“ zu nutzen. Die türkische Seite drängt ihrerseits die Parteien nachdrücklich, den Dialog wieder aufzunehmen, insbesondere vor dem Hintergrund der Verschlechterung der Lage im Schwarzen Meer.
Drone Deal, Energie und der Marktzugang in Drittländer
Trotz der diplomatischen Pause auf der russischen Spur entwickelt sich die bilaterale Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und der Türkei in strategischen Bereichen weiter. Im Interview ist die Rede von der Vorbereitung der Initiative Drone Deal – einem gemeinsamen Projekt im Bereich der unbemannten Systeme – sowie von gemeinsamen Projekten in der Energie- und Verteidigungsindustrie. Dschelal betont, dass Ankara nicht nur als Vermittler, sondern auch als Partner für den gemeinsamen Marktzugang in Drittländer auftritt, was der ukrainisch-türkischen Zusammenarbeit einen zusätzlichen pragmatischen Impuls verleiht, der unabhängig vom Verlauf des Verhandlungsprozesses mit Moskau ist.
Widersprüchliche Daten
In den bereitgestellten Quellen wurden keine wesentlichen faktischen Unstimmigkeiten in Daten oder Zahlen festgestellt. Gleichzeitig ist die innere Spannung in der Positionierung der Türkei zu beachten: Einerseits charakterisiert Botschafter Dschelal Ankara als eine Seite, die „politisch auf unserer Seite“ steht, andererseits betont er, dass die eigenen Interessen der Türkei ein bedingungsloser Vorrang sind und die aktive Anwendung von Einflusshebeln auf Russland nicht zu ihrer Strategie gehört. Die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu (AA) bestätigt in ihrer Veröffentlichung die hohe Bewertung der Vermittlerrolle der Türkei durch den Botschafter, ohne dabei die Tatsache der Fortsetzung der wirtschaftlichen Beziehungen Ankars mit Moskau zu bestreiten. Somit präsentieren beide Seiten – die ukrainische und die türkische – die Position Ankars konsequent als pragmatisches Gleichgewicht und nicht als eindeutige Wahl zwischen Kiew und Moskau.