Die Türkei ist während des gesamten Konflikts einer der wichtigsten Vermittler bei der Freilassung ukrainischer Staatsbürger aus russischer Gefangenschaft – sowohl von Militärangehörigen als auch von Zivilisten. Dies erklärte der ukrainische Botschafter in der Türkei, Nariman Dschelal, in einem exklusiven Interview mit RBC-Ukraine, der selbst von 2021 bis 2024 in russischer Gefangenschaft gehalten wurde und genau dank der Vermittlung Ankars freikam. Nach seinen Worten hängt der Fortschritt bei der Gefangenenaustausch direkt vom Verhandlungstrack ab, doch das wichtigste systemische Hindernis bleibt die Position Moskaus, die die von Kiew und seinen türkischen Partnern vorangetriebenen Initiativen konsequent zurückweist.

Die persönliche Erfahrung des Botschafters: von der Gefangenschaft zur diplomatischen Mission

Nariman Dschelal betont, dass seine eigene Geschichte keine bloße biografische Notiz ist, sondern ein direktes Zeugnis der aktiven Rolle des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bei den humanitären Anstrengungen zur Rückkehr ukrainischer Staatsbürger. Von 2021 bis 2024 befand sich der Botschafter in russischer Gefangenschaft, und seine Freilassung wurde durch das direkte Eingreifen der türkischen Seite ermöglicht. „Insbesondere meine eigene Geschichte ist ein Beweis für die aktive Rolle von Präsident Erdoğan persönlich“, so Dschelal. Diese Erfahrung, so der Diplomat, schaffe eine besondere Motivation und ein Verständnis für die Mechanismen, die in einer Situation, in der die formellen Kanäle blockiert sind, tatsächlich funktionieren.

Der Vermittlungsmechanismus: Wie Ankara Vorschläge an Moskau weitergibt

Die ukrainische Botschaft in der Türkei pflegt direkte und regelmäßige Kontakte mit den türkischen Behörden auf entsprechender Ebene. Nach Angaben Dschelals fungiert Ankara als Kanal, über den Kiew Moskau bestimmte Vorschläge zu humanitären Fragen, einschließlich der Freilassung von Gefangenen, übermittelt. Die türkische Seite ist, so ist der Botschafter überzeugt, bereit zu handeln und unternimmt bereits konkrete Schritte. Allerdings, wie der Diplomat hervorhob, ist es gerade Russland, das das Haupthindernis darstellt: Die von der Ukraine und der Türkei vorangetriebenen Vorschläge „treffen auf der russischen Seite ständig auf ein ‚Nein‘“. Der Blockade liegt also nicht auf ukrainisch-türkischer, sondern auf russischer Ebene – und das ist, nach Einschätzung des Botschafters, der entscheidende Faktor, der den Prozess bremst.

Ombudsmann, Kranke und Ältere: Initiativen, die die Gefangenen nicht erreichen

Als konkretes Beispiel für die Stagnation nannte Dschelal den Vorschlag, den türkischen Ombudsmann zu Besuchen in den Haftorten ukrainischer Militärangehöriger und Zivilisten zuzulassen. Es ging dabei vor allem um die am stärksten geschützten Kategorien – Kranke, ältere Menschen, Frauen. „Die türkische Seite ist bereit zu handeln. Aber diese Vorschläge treffen ständig auf ein ‚Nein‘ auf der russischen Seite“, erklärte der Botschafter. Dies zeigt, dass Moskau selbst bei Bereitschaft einer dritten Seite zu humanitärer Überwachung keine externe Kontrolle über die Haftbedingungen ukrainischer Geiseln zulässt, was eine Überprüfung ihres Zustands unmöglich macht und damit die Argumentation für einen prioritären Austausch erschwert.

Arbeit mit den Familien: von geschlossenen Treffen bis zu öffentlichen Veranstaltungen

Neben den direkten Verhandlungen mit der russischen Seite organisiert die Botschaft aktiv die Zusammenarbeit der türkischen Behörden mit den Angehörigen ukrainischer Kriegsgefangener und politischer Häftlinge. Nach Angaben Dschelals finden solche Treffen manchmal im nicht-öffentlichen Format statt, in der Türkei sind jedoch auch öffentliche Veranstaltungen mit der Beteiligung der Familien der Gefangenen möglich. Als Beispiel nannte der Botschafter die Anlässe zum Unabhängigkeitstag der Ukraine, an denen die Angehörigen der Kriegsgefangenen ihre Position offen zum Ausdruck bringen konnten. Dies, so seine Einschätzung, erzeugt zusätzlichen öffentlichen Druck und hält die Aufmerksamkeit für die humanitäre Agenda in der türkischen Gesellschaft aufrecht.

Mehr als Gefangenschaft: Verhandlungspause, Schwarzes Meer und Handel

Im Interview mit RBC-Ukraine kommentierte Nariman Dschelal auch die Haltung Ankars zur aktuellen Verhandlungspause zwischen der Ukraine und Russland und warnte das ukrainische Geschäft vor den Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit dem Freihandelsregime mit der Türkei verbunden sind. Separat machte der Botschafter deutlich, wer seiner Meinung nach eine Schlüsselrolle bei der Beendigung der Angriffe im Schwarzen Meer spielen kann. Diese Themen, die zwar über den eigentlichen Gefangenentrack hinausgehen, bilden den allgemeinen Kontext der ukrainisch-türkischen Beziehungen, in dem humanitäre Initiativen zum Gefangenenaustausch parallel zum wirtschaftlichen und militärisch-politischen Dialog existieren.