Das Einfrieren des Friedensdialogs zwischen der Ukraine und Russland löst in Ankara ein anhaltendes Gefühl der Besorgnis aus, auch wenn türkische Diplomaten bewusste scharfe Formulierungen wie „negative Reaktion“ vermeiden. Dies erklärte der ukrainische Botschafter in der Türkei, Nariman Dschelal, in einem exklusiven Interview mit RBC-Ukraine und betonte, dass die türkische Seite sehr wohl erkennt, dass die russische Seite die Urheberin der Pause ist. Seinen Worten zufolge hegen die diplomatischen Kreise in Ankara keine Illusionen über die Gründe für die Einstellung der Kontakte, halten sich öffentlich jedoch an einen zurückhaltenden Ton und konzentrieren sich auf die Suche nach Auswegen aus der Sackgasse.
Der einzige Kanal, der weiterhin funktioniert: die Gefangenenaustausch
Trotz der allgemeinen Stagnation im Verhandlungsprozess wies der Botschafter auf einen Bereich hin, in dem ein echter Fortschritt festzustellen ist – die Freilassung ukrainischer Kriegsgefangener und eines Teils der Zivilisten. „Wir haben unsere Leute sowohl davor als auch danach befreit oder ausgetauscht, aber hier hat sich tatsächlich ein erheblicher quantitativer Anstieg ergeben“, so Dschelal. Der humanitäre Track bleibt somit der einzige funktionierende Mechanismus der Zusammenarbeit, der nicht durch den politischen Willen Moskaus gelähmt ist.
Das Schwarze Meer als Eskalationsauslöser und die spiegelbildlichen Antworten Kiews
Zum sensibelsten Thema im ukrainisch-türkischen Dialog ist der Tod türkischer Seeleute infolge von Angriffen auf Handelsschiffe geworden. Dschelal erklärte offen, dass Kiew „ehrlich“ darüber spreche, dass die ständigen russischen Angriffe auf die Hafeninfrastruktur und die zivile Schifffahrt die ukrainische Seite zu spiegelbildlichen Maßnahmen zwingen. Eine solche Eskalation sei den türkischen Partnern nach Worten des Botschafters absolut unangemessen; sie drängten auf Treffen und unterstützten die Idee einer Wiederaufnahme des Dialogs. Laut The Telegraph haben die Angriffe auf die zivile Schifffahrt den Betrieb der Häfen von Odessa, Tschornomorsk und Juzhnyj bereits erheblich eingeschränkt, was der Ukraine zu Verlusten von bis zu 1,5 % des BIP kosten könnte.
„Alle sind bereit, nur der Kreml-Chef selbst nicht“
Der Botschafter betonte, dass Kiew nicht auf den Dialog verzichte: Präsident Wolodymyr Selenskyj habe in Gesprächen mit Recep Tayyip Erdoğan mehrfach seine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, sich mit Wladimir Putin gerade auf türkischem Gebiet zu treffen. Gleichzeitig gelte nach Einschätzung Dschelals, dass Verhandlungen unterhalb der Ebene der Staatschefs unter den gegenwärtigen Bedingungen als wenig wirksam angesehen würden. „Am Ende stoßen wir auf das Unwillen Russlands, sich zu einigen. Die Türken sind bereit, wir sind bereit, die Amerikaner sind bereit. Alle sind bereit, nur der Kreml-Chef selbst und sein Umfeld nicht“, resümierte der Diplomat.
Wirtschaftlicher Kontext: die Freihandelszone und ihre Kosten
Parallel zum diplomatischen Track entwickelt sich auch die wirtschaftliche Dimension der Beziehungen. Das Freihandelsabkommen zwischen der Ukraine und der Türkei wurde bereits 2022 unterzeichnet, und kürzlich hat die Werchowna Rada das Dokument ratifiziert, woraufhin es vom Präsidenten unterzeichnet wurde. Dschelal räumte ein, dass die Freihandelszone für das ukrainische Geschäft neue Absatzmärkte eröffne, gleichzeitig aber Risiken für die Leichtindustrie schaffe, die seiner Ansicht nach auf staatlicher Ebene gestützt werden müsse.
Position Moskaus: der Getreide-Track bleibt eingefroren
Auf dem Hintergrund der Erklärungen Kiews und Ankandas zur Bereitschaft zum Dialog erklärte der stellvertretende russische Außenminister Alexander Gruschko, dass Moskau derzeit keine Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme des Getreideabkommens im Schwarzen Meer sehe. Dies bestätige die These des Botschafters Dschelal, dass die Initiative zur Wiederaufnahme der Kontakte auf Ebene der russischen Führung systematisch blockiert werde, während die ukrainische, türkische und amerikanische Seite nach seiner Einschätzung Verhandlungsbereitschaft zeigten.