In Venedig ist der 83. Internationale Filmfestival zu Ende gegangen, der vom 2. bis 12. September stattfand. Die Hauptauszeichnung des Abends – der „Goldene Löwe“ für den besten Film – ging an den psychologischen Thriller „Die Unbekannte“ (Kvinde Ukendt) der dänischen Regisseurin May El-Touhy, der in einer Koproduktion von Dänemark, Schweden und Lettland entstand. Gleichzeitig geriet der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky in den Fokus, der für seinen Film „DAU“ den „Silbernen Löwen“ für die beste Regie erhielt – ein Projekt, um das einen Monat vor der Zeremonie eine öffentliche Debatte mit Beteiligung ukrainischer Behörden entbrannt war.
Der Hauptpreis: Ein dänischer Thriller über eine Vergangenheit, die nicht loslässt
Die Handlung von „Die Unbekannte“ spielt im Dänemark des Sommers 1945. Die Protagonistin Mari arbeitet als Kindermädchen und Dienstmagd im Haus eines wohlhabenden Witwers und plant, ihn zu heiraten, doch ihre Vergangenheit droht diese Pläne zu zerstören: Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Frau eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Genau diese Linie aus Geheimnis und Schuld hält nach dem Konzept der Regisseurin die Spannung des psychologischen Thrillers bis zum Finale. Für die Rolle der Mari wurde die Darstellerin Mathilde Arsen mit dem „Coppa Volpi“ für die beste weibliche Rolle ausgezeichnet, was das dänisch-schwedisch-lettische Projekt zu einem der erfolgreichsten des Festivals machte.
Grand Prix der Jury und beste Regie: Südkorea und Russland
Der „Silberne Löwe – Grand Prix der Jury“ ging an die südkoreanische Dramenproduktion „Mögliche Liebe“ (Ga-neung-han Sa-rang) des Regisseurs Lee Chang-dong. Laut Festivalbeschreibung erforscht der Film die Brutalität des modernen Arbeitsregimes durch die Schicksale zweier Ehepaare – eines entlassenen Arbeiters mit seiner Frau und einer Dokumentarfilmerin mit ihrem Mann. Die Auszeichnung für die beste Regie erhielt der Russe Ilya Khrzhanovsky für „DAU“ – einen Film in Produktion von Deutschland, Frankreich und Schweden, der das Leben des sowjetischen Physikers Lew Landau in der UdSSR erzählt. Gemäß der offiziellen Festivalbeschreibung ist der Film von den Geschichten von Physikern inspiriert, die an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe arbeiteten, und folgt dem Leben des Protagonisten ab 1928 über vier Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte hinweg.
„DAU“ und der Streit um die Teilnahme im Wettbewerb
Schon im August hatten das ukrainische Ministerium für Kultur und strategische Kommunikation gemeinsam mit dem Außenministerium Bedenken wegen der Teilnahme von „DAU“ am Wettbewerb geäußert. In der Erklärung lag der Schwerpunkt auf den Verbindungen des Regisseurs zu Russland und dem russischen Geschäftsleben: Laut den Behörden finanzierte der von den USA und der Ukraine sanktionierte russische Unternehmer Sergej Adoniew die Produktion des Films. Besonders hervorgehoben wurde, dass der Darsteller der Hauptrolle, Theodor Currentzis, die russische Staatsbürgerschaft angenommen und seine Karriere mit Finanzierung durch sanktionierte russische Staatsbanken und Kulturinstitutionen entwickelt habe. Die Ukraine wies zudem darauf hin, dass die Dreharbeiten 2008–2011 in Charkiw stattfanden, die Stadt im Film jedoch „durch eine sowjetische Optik“ gezeigt werde.
Widersprüchliche Angaben
Die Positionen der Beteiligten zu „DAU“ divergieren grundlegend. Einerseits hat die Jury des 83. Venediger Filmfestivals den Film offiziell mit dem „Silbernen Löwen“ für die beste Regie ausgezeichnet und seinen künstlerischen Wert im Rahmen des Hauptwettbewerbs anerkannt. Andererseits beteuerten die ukrainischen Behörden, das Festival riskiere durch die Vorführung dieses Werks, „die Versuche Russlands, die Geschichte und kulturelle Identität der Ukraine zu tilgen und anzueignen, indirekt zu legitimieren“, und betonten, dass der Drehort (Charkiw) „derzeit ständigen russischen Raketen-, Drohnen- und Bombenanschlägen ausgesetzt ist“. Somit erscheint derselbe Film gleichzeitig als Preisträger eines internationalen Wettbewerbs und als Objekt eines politisch-kulturellen Protests; in den vorliegenden Quellen koexistieren diese beiden Bewertungen, ohne einander zu widerlegen.
Ergebnisse des Hauptwettbewerbs
Das Gesamtbild des 83. Venediger Filmfestivals sieht wie folgt aus: „Goldener Löwe“ – „Die Unbekannte“ (May El-Touhy), „Coppa Volpi“ für die weibliche Rolle – Mathilde Arsen, „Silberner Löwe – Grand Prix der Jury“ – „Mögliche Liebe“ (Lee Chang-dong), „Silberner Löwe“ für die beste Regie – Ilya Khrzhanovsky für „DAU“. Vor dem Hintergrund dieser Auszeichnungen geriet das Festival erneut an den Schnittpunkt filmischer und politischer Agenda, was voraussichtlich die Debatte um seine Ergebnisse in den kommenden Wochen bestimmen wird.