Die Verleihungszeremonie des 83. Internationalen Filmfestivals von Venedig, das am 12. September 2026 zu Ende ging, stand im Zeichen des weiblichen Regieblicks. Das Hauptereignis des Abends war der dänisch-schwedisch-lettische Film „Die Unbekannte“ (Woman Unknown), der mit dem Goldenen Löwen für den besten Film ausgezeichnet wurde. Die Regie führte May El-Touhai, die damit zu dem kleinen Kreis der Regisseure zählt, die die höchste Auszeichnung der Biennale erhalten haben, und zur achten Frau in der Geschichte des Festivals wurde, der diese Ehre zuteilwurde. Gleichzeitig erhielt die Darstellerin der Hauptrolle, Mathilde Arsel, den Volpi-Cup für die beste weibliche Rolle, wodurch der Film zum doppelten Preisträger der Hauptkonkurrenz wurde.
Eine Geschichte über einen Krieg, der nicht loslässt
Die Handlung von „Die Unbekannte“ spielt in Dänemark in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum der Geschichte steht Marie, eine junge Frau, die als Nanny und Hausmädchen bei dem reichen Witwer Christian arbeitet, für den sie zu heiraten gedenkt. Die Ehe verspricht ihr den Status der Hausherrin, doch Marie hütet ein Geheimnis: Während des Krieges hatte sie eine romantische Beziehung zu einem deutschen Soldaten. Als die Vergangenheit zurückkehrt, muss die Heldin einen Weg finden, das Leben zu schützen, das sie aufzubauen versucht. Hinter Marias persönlicher Geschichte steht, so die Absicht der Autoren, ein breiteres Problem – das Schicksal der Frauen im Krieg und Vorurteile, die trotz historischer Distanz auch in der modernen Gesellschaft ihre Aktualität bewahren.
Jury und Konkurrenzprogramm
Das Internationale Filmfestival von Venedig 2026 fand vom 2. bis 12. September statt, und um den Hauptpreis bewarben sich 21 Filme. Die Jury wurde von der amerikanischen Regisseurin, Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin Maggie Gyllenhaal geleitet; zu ihrem Kreis gehörten zudem Kaouther Ben Hania, Daniel Blumberg, Francesco Casati, Xavier Gagnoli, Shahrbanu Sadat und Johnny To. Eine bemerkenswerte Tatsache, die in den Berichten von der Zeremonie betont wurde: May El-Touhai war die einzige weibliche Regisseurin unter den 21 Kandidatinnen und Kandidaten für den Goldenen Löwen, die ohne Koautorschaft arbeitete. Der einzige andere Film in der Konkurrenz, der unter Mitwirkung einer weiblichen Regisseurin gedreht wurde, war „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Shor.
Das vollständige Bild der Auszeichnungen
Neben dem Goldenen Löwen und dem Volpi-Cup verteilte die Jury die übrigen Preise der Hauptkonkurrenz. Der Große Preis der Jury (der „Silberne Löwe“) ging an den Film „Mögliche Liebe“ des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-dong. Den „Silbernen Löwen“ für die beste Regie erhielt Ilya Khrzhanovsky für „DAU“, eine gemeinsame Produktion Deutschlands, Frankreichs und Schwedens. Der Preis für das beste Drehbuch wurde an Stefan Brize, Coralie Amedeo und Olivier Gorse für „Un bon petit saltat“ („Ein guter kleiner Soldat“) verliehen. Der Marcello-Mastroianni-Preis für den besten jungen Schauspieler ging an Malu Hebizy für ihre Rolle in „15/18“ („Ein Ort, an dem man heilen kann“). Der Preis des Publikumsfavoriten Venice Spotlight (Armani Beauty) wurde an „I Matter“ („Eu contez“) der Regisseurin Alina Șerban verliehen, und der Luigi-De-Laurentiis-Preis für den ersten Film ging an „La maison du vent“ („Das Haus des Windes“) von Auguste Bernard Kuemo Yanghu.
„NAZA“ und der Krieg als Thema der Zeit
Der Dokumentarfilm „NAZA“, gedreht von Yuval Abraham und Rachel Shor und von den Unternehmen The Guardian und JW Films in Großbritannien produziert, erhielt den Sonderpreis der Jury im Hauptkonkurrenzprogramm. Die Auszeichnung wurde zu einem der Hauptereignisse des Festivals: Der Film über den Krieg im Gazastreifen wurde im Hauptkonkurrenzprogramm ausgezeichnet und verhalf Venedig 2026 zu einem modernen Aspekt. Zusammen mit „Die Unbekannte“, die die Wunden untersucht, die der Krieg Frauen zufügt, machte „NAZA“ das Neuverdenken des Krieges und seiner Folgen – aus historischer, sozialer und humanitärer Perspektive – zum Leitthema dieses Jahres in Venedig.