In den Mitte der 1990er Jahre sah sich die Chinesische Volksbefreiungsarmee (PLA) mit einer kritischen Notwendigkeit zur Modernisierung ihrer Luftabwehrsysteme konfrontiert. Angesichts der wachsenden militärischen Herausforderungen des späten 20. Jahrhunderts traf Peking die strategische Entscheidung, fortschrittliche Kurzstrecken-Luftabwehrsysteme bei Russland zu kaufen. Die Wahl fiel auf das System „Tor-M1', das vom Isewskij Kupolowski Elektromechanischen Werk (heute Teil der „Almas-Antei'-Konglomerats) produziert wurde. Dieser Deal markierte den Beginn eines jahrzehntelangen Prozesses der technologischen Anpassung, der schließlich zur Entwicklung eines eigenen chinesischen Äquivalents führte: des HQ-17.

Russische Lieferungen und taktische Erfolge

Laut öffentlich zugänglichen Daten bestellte China 1996 offiziell 14 „Tor-M1'-Systeme bei Russland. Die ersten Kampffahrzeuge wurden 1997 geliefert. Das System zeigte hervorragende taktische und technische Eigenschaften während gemeinsamer Übungen mit anderen Luftabwehreinheiten. Der erfolgreiche Einsatz führte dazu, dass die chinesische Armee 1999 eine weitere Bestellung aufgab. Insgesamt lieferte Russland zwischen 1997 und 2001 35 „Tor-M1'-Systeme sowie die entsprechenden gelenkten Raketen an China. Diese Systeme wurden zur Grundlage für den Schutz von Panzerkolonnen, motorisierten Infanterieeinheiten und wichtigen Regierungsobjekten.

Chinas Strategie: Von der Kopie zur Modernisierung

In den Jahren des rapiden wirtschaftlichen Wachstums verfolgte China eine Strategie, bei der das Land zunächst versuchte, ausländische Technologien zu kopieren und diese dann, wo möglich, zu verbessern. Eine ähnliche Geschichte spielte sich auch mit dem Luftabwehrsystem „Tor-M1' ab. Anfang der 2000er Jahre begannen chinesische Waffeningenieure mit der Entwicklung eines neuen Kurzstreckensystems auf Basis des russischen Kampffahrzeugs. Führende Ingenieure der Chinesischen Akademie für Luft- und Raumfahrtwissenschaften und -industrie (CASIC) untersuchten sorgfältig die mechanische Basis, das vertikale Startsystem, die Algorithmen zur Zielerfassung und die allgemeine Software des russischen Systems.

Technische Verbesserungen und die Entstehung des HQ-17

Die Forschung und Entwicklung des chinesischen Kurzstrecken-Luftabwehrsystems dauerte etwa 10 Jahre und wurde 2015 abgeschlossen, als das Land offiziell die Fertigstellung des Systems HQ-17 (auch bekannt als Hongqi-17 oder Red Flag-17) verkündete. Chinesische Experten gaben an, dass der Grund für die Entwicklung der neuen Waffe Schwierigkeiten bei nächtlichen Kampfhandlungen waren. Sie behaupteten, dass das System „Tor-M1' kein integriertes Nachtsichtgerät besaß, was die chinesischen Militärs dazu veranlasste, ihre russische Luftabwehr vollständig zu modernisieren. Das neue System sieht äußerlich dem russischen „Tor-M1' sehr ähnlich, jedoch, so die chinesische Seite, haben sie die „Fähigkeiten des Systems erheblich verbessert'.

Exportpotenzial und neue Plattformen

Anschließend wurde eine auf den Export ausgerichtete radgetriebene Version dieses Luftabwehrsystems entwickelt, die erstmals auf dem Luftfahrt- und Weltraumausstellung in Zhuhai 2018 vorgestellt wurde. Dieses Ereignis erregte die Aufmerksamkeit vieler internationaler Abnehmer und bestätigte, dass China das russische Tor-M1-System erfolgreich kopiert hatte. Darüber hinaus entwickelte die chinesische Seite ein eigenes hochmobiles Kettenfahrzeug für das HQ-17-System, was es von der ursprünglichen russischen Version unterscheidet. Diese Verbesserungen ermöglichten es China nicht nur, seine eigene Verteidigung zu sichern, sondern auch mit einem wettbewerbsfähigen Produkt auf den globalen Waffenmarkt zu drängen.

Widersprüchliche Daten

Es gibt Unterschiede in den Einschätzungen des Grades der Abhängigkeit des chinesischen HQ-17-Systems vom russischen „Tor-M1'. Einerseits betonen chinesische Quellen erhebliche Verbesserungen und eigene Entwicklungen, insbesondere im Bereich der Nachtsicht und der Software. Andererseits weisen westliche Analysten auf die äußere Ähnlichkeit und die technologische Kontinuität hin, was auf eine tiefgreifende Kopie hindeutet. Auch besteht keine Einigkeit darüber, wie wesentlich die Verbesserungen im Bereich der Zielerfassung und Feuerleitung waren. Diese Widersprüche spiegeln die Komplexität der Bewertung des technologischen Fortschritts in geschlossenen Militärprojekten wider.