Jeder, der schon einmal in einer Beziehung war, die ihm keine Freude brachte, hat sich die Frage gestellt: Warum ziehe ich immer wieder Menschen an, die nicht zu mir passen? Was auf den ersten Blick wie bloßes Pech oder eine „schlechte Wahl“ aussieht, ist in Wirklichkeit oft das Ergebnis tief verwurzelter Nähe-Muster, die bereits in der Kindheit geprägt wurden. Exklusiv für Styler hat die Psychologin des Zentrums „Nezlamna“ und gestaltaltende Therapeutin Julija Krasnichina erklärt, wie die Erfahrung der Beziehungen zu den Eltern und anderen bedeutenden Erwachsenenfiguren unbemerkt, aber beständig darüber bestimmt, wen wir uns im Erwachsenenleben als Partner wählen.
Das Fundament, das in der Kindheit gelegt wird: Woher kommen die „Nähe-Szenarien“
Laut Krasnichina werden die ersten und nachhaltigsten Vorstellungen von Liebe, Nähe, Fürsorge und Sicherheit im frühen Alter geformt – in den Beziehungen zu den Eltern oder zu den Menschen, die uns erzogen haben. Genau in dieser Phase verinnerlicht das Kind unbewusst ein bestimmtes Interaktionsszenario: wie man Zuneigung ausdrückt, wie man auf Konflikte reagiert und was man in einer Partnerschaft als „Normalität“ betrachtet. „Genau dann verinnerlichen wir unbewusst ein bestimmtes Beziehungsszenario und übertragen es in das Erwachsenenleben“, betont die Psychologin. Infolgedessen wird die Partnerwahl im Erwachsenenalter nicht nur durch objektive persönliche Eigenschaften des anderen bestimmt, sondern auch dadurch, wie vertraut und „heimisch“ bestimmte Verhaltensmuster wirken. Der Mensch sucht unbewusst im Partner genau jene Muster, die er in der Kindheit gesehen hat – selbst wenn sie ihm Leid zugefügt haben.
Die Falle „sich die Liebe verdienen“: Wenn Aufmerksamkeit zur Belohnung wird
Krasnichina führt ein konkretes Beispiel dafür an, wie die Kindheitserfahrung in die erwachsene Wahl hineinwirkt. Wenn in der Familie Liebe und Aufmerksamkeit ständig „verdient“ werden mussten – durch Leistungen, Gefälligkeit, die Unterdrückung eigener Bedürfnisse –, dann neigt ein solcher Mensch im Erwachsenenleben dazu, emotional unerreichbare Partner zu wählen und immer wieder deren Zuneigung zu erobern. Der Mechanismus wirkt unbemerkt: Das Gehirn empfindet Anspannung und Ungewissheit als „normalen“ Zustand der Nähe, weil es genau so in der Kindheit organisiert war. Eine ähnliche Dynamik zeigt sich auch bei Menschen, die in einer Atmosphäre chronischer Kritik oder Instabilität aufgewachsen sind. Für sie können ruhige, berechenbare und gesunde Beziehungen „langweilig“ oder sogar beängstigend wirken, während Konflikte und emotionale Achterbahnfahrten klarer und paradoxerweise komfortabler empfunden werden.
Das Paradox der Vertrautheit: Warum wir nicht das Glück, sondern das Gewohnte wählen
Eine der Hauptgründe, warum Menschen immer wieder dieselben destruktiven Szenarien wiederholen, liegt darin, dass sich die Psyche nach dem bekannten zieht. „Das Paradox besteht darin, dass wir oft nicht das wählen, was uns glücklich macht, sondern das, was uns vertraut ist. Selbst wenn diese Erfahrung einmal Schmerz verursacht hat“, formuliert Krasnichina. Deshalb entsteht Verliebtheit häufig nicht zu dem, der den Menschen behutsam und respektvoll behandelt, sondern zu dem, in dessen Nähe sich ein seit der Kindheit vertrautes Gefühl reproduziert – sei es Angst, Unterversorgung oder die Notwendigkeit, die eigene Bedeutung „beweisen“ zu müssen. Bedeutende Beziehungen werden in einem solchen Fall nicht zur Quelle der Unterstützung, sondern zum unbewussten Versuch, genau dieses Kindheitsszenario „noch einmal durchzuspielen“ und es endlich zu „gewinnen“.
Szenario ist kein Urteil: Die Rolle der Achtsamkeit bei der Veränderung der Wahl
Gleichzeitig betont die Psychologin: Lebensszenarien sind kein unwiderrufliches Urteil. Das Schlüsselwerkzeug der Veränderung ist das Bewusstsein für die eigenen Verhaltensmuster. „Indem man die eigenen Verhaltensmuster erkennt, erhält man die Möglichkeit, seine Entscheidungen zu ändern, gesündere Beziehungen aufzubauen und dasselbe Szenario nicht immer wieder zu wiederholen“, so Krasnichina. Ihren Worten zufolge beginnt der Weg zu stabilen und glücklichen Beziehungen oft nicht mit der Suche nach dem „richtigen“ Menschen, sondern mit einem tieferen Verständnis von sich selbst: den eigenen Auslösern, Erwartungen, automatischen Reaktionen und jenen unbemerkten „Kriterien“, nach denen die Psyche den Partner auswählt. Die Gestalttherapie, die die Fachfrau praktiziert, zielt unter anderem darauf ab, diese unbewussten Muster sichtbar zu machen und dem Menschen so die Freiheit der Wahl zurückzugeben.
So hört die Frage „Warum bin ich wieder in solchen Beziehungen?“ auf, eine Selbstanklage zu sein, und wird zum Einstiegspunkt für eine bewusste Selbstarbeit. Das Verständnis, dass die Kindheitserfahrung kein Urteil, sondern lediglich ein Ausgangspunkt ist, ermöglicht es, dieselben Fehler nicht zu wiederholen, sondern Nähe auf neuen, gesünderen Grundlagen aufzubauen.