Die ukrainische Publikation RBC-Ukraina veröffentlichte unter Berufung auf die Analytik-Firma YouControl eine Studie, die den gängigen Narrativ darüber, woher Russland sensible Informationen über den ukrainischen Verteidigungs- und Rüstungskomplex bezieht, in Frage stellt. Die Analysten bearbeiteten 7362 Nachrichten auf der Website des SBU für den Zeitraum von Januar 2020 bis August 2026 und identifizierten 131 Beiträge, die unmittelbar Bedrohungen für den Rüstungskomplex betreffen, und bestimmten daraus sieben zentrale Leckkanäle. Das Hauptergebnis der Arbeit: Der Feind erhält Daten vor allem über Agenten, Informanten und Korrekturkräfte, und nicht über offene staatliche Register.
Der menschliche Faktor als größte Schwachstelle
Im Zentrum der Studie steht der menschliche Faktor. Nach Artikel 111 des StGB („Hochverrat“) zählten die Analysten 149 Veröffentlichungen über die Enttarnung von „Maulwürfen“ und Spionen auf strategischen Betrieben und in staatlichen Behörden, weitere 179 Meldungen betrafen Agenten, Informanten und Verbindungsleute des FSB, und 117 betrafen ganze Agentennetzwerke und Gruppen von Korrekturkräften. Insgesamt erscheint Artikel 111 in 1428 Beiträgen der Stichprobe, wobei die Dynamik nach 2022 stark ansteigt: Waren es 2020 noch 45 solcher Meldungen, so waren es 2025 bereits 355. Zusätzlich wurden 269 Meldungen über die Korrektur von Feuer und die Lenkung von Schlägen auf ukrainische Objekte, 43 Fälle, in denen Agenten persönlich Gebiete von Rüstungsbetrieben fotografierten und filmten, sowie 33 Fälle gezielter Datenerhebung über die Dislozierung konkreter militärischer und Verteidigungsobjekte in den Jahren 2025–2026 festgestellt.
Telegram als Rekrutierungskanal
Einen eigenen und nach Einschätzung der Analysten systematischen Rekrutierungskanal stellt der Messenger Telegram dar. Von 90 Veröffentlichungen über die Suche nach Informanten über soziale Netzwerke betrafen 84 (93 %) genau diesen Kanal. Bemerkenswert ist, dass in 40 Fällen die Rede von Frauen-Informanten war, die unter dem Vorwand eines „leichten Verdienstes“ oder unter Nutzung familiärer und alltagsbezogener Motive rekrutiert wurden. Dies deutet darauf hin, dass gegen den Rüstungskomplex nicht nur technische, sondern auch sozial-psychologische Spionage betrieben wird, die auf vulnerable soziale Gruppen abzielt.
Offene Register tauchen nicht als Leckkanäle auf
Das zentrale und vielleicht überraschendste Ergebnis der Arbeit: Unter den festgestellten Leckkanälen für Informationen über den Rüstungskomplex tauchen offene staatliche Daten überhaupt nicht auf. In der untersuchten Menge an SBU-Meldungen wurde kein einziger Fall festgestellt, in dem die Erlangung von Informationen über Verteidigungsobjekte mit der Nutzung öffentlicher Register in Verbindung gebracht worden wäre. Separat hoben die Analysten 14 Veröffentlichungen zu 11 strafrechtlichen Verfahren hervor, in denen verschlossene Informationen über die Mitarbeiter der Strafverfolgungs- und Kontrollbehörden selbst nach außen drangen – am häufigsten über Steuer- und Finanzbehörden.
Widersprüchliche Daten
Hier entsteht ein direkter Widerspruch zwischen der Logik der staatlichen Regulierung und den Schlussfolgerungen der Studie. Das Kabinett der Ministerien erließ die Verordnung Nr. 1257 über die Entfernung offener Daten über den Rüstungskomplex, das heißt, es wurde der Grundsatz verankert, dass öffentliche Register juristischer Personen ein bedeutender Leckvektor sind. YouControl weist jedoch ausdrücklich darauf hin: Wenn die Hauptleckkanäle außerhalb der öffentlichen Register liegen, kann die Entfernung grundlegender Informationen über juristische Personen an sich kein wirksames Instrument zum Schutz der Verteidigungsindustrie sein. Somit widersprechen sich die Position, die der Verordnung zugrunde liegt, und die empirische Schlussfolgerung der Analysten: Der Staat schützt einen Kanal, während nach Angaben des SBU die tatsächlichen Bedrohungen über andere – agenturbasierte und menschliche – Kanäle verlaufen.
Operative Praxis: von Odessa bis zur Operation „Postbote“
Der SBU dokumentiert regelmäßig die Enttarnung von Agenten in den Verteidigungskräften. So hielt die Spionageabwehr Ende August 2026 in der Oblast Odessa einen Berufsoffizier an – den Kommandeur einer Spezialeinheit der Nationalgarde, der über einen langen Zeitraum geheime Daten über den Kampfeinsatz seiner Einheit an die Russen weitergegeben und auf Auftrag des Kremls einen Terroranschlag vorbereitet hatte. Parallel dazu, so Quellen von RBC-Ukraina, hat Russland die Operation „Postbote“ entfaltet – eine Kampagne falscher Meldungen, die auf die Diskreditierung von Kommandeuren von Einheiten mit hohem moralisch-psychologischem Zustand abzielt, insbesondere in den Landstreitkräften, der Luftlandetruppe, der Nationalgarde und den Kräften für unbemannte Systeme. Dies ergänzt das Bild: Neben der physischen Spionage nutzt der Gegner aktiv den Informationsdruck auf den Kommandostab.