In den letzten Wochen wird in der ukrainischen Gesellschaft und der Expertengemeinschaft intensiv über die massive Zerstörung der Logistikinfrastruktur in Kiew und der Oblast Kiew diskutiert. Nach einer Reihe von Angriffen auf große Lagerhäuser und Verteilzentren ziehen viele Parallelen zur Treibstoffkrise Anfang 2022. Ökonomen und Analysten bestehen jedoch darauf: Dies sind grundsätzlich verschiedene Situationen mit unterschiedlichen Ursachen und, was noch wichtiger ist, mit viel schwerwiegenderen langfristigen Folgen.
Alexander Bondarenko, CEO des Investmentprogramm-Büros, analysiert in seiner Kolumne für RBC-Ukraine detailliert, warum der Vergleich mit dem Jahr 2022 falsch ist, wer tatsächlich für die verbrannten Waren bezahlt und warum die Ukrainer in den kommenden Monaten mit Preiserhöhungen rechnen müssen.
Der Fehler der Analogie: 2022 versus 2024
Die Situation Anfang 2022, als im Land ein akuter Treibstoffmangel entstand, wurde nicht durch die physische Zerstörung der Infrastruktur verursacht, sondern durch Managemententscheidungen und den Bruch der Lieferketten. Bis zu 50–60 % des Treibstoffs wurden in die Ukraine aus Russland und Belarus geliefert. Als diese Kanäle blockiert wurden, konnten die Importeure nicht schnell auf europäische Richtungen umschalten.
Ein kritischer Faktor war damals die Entscheidung des Wirtschaftsministeriums, eine Preisobergrenze (Price Cap) an den Tankstellen einzuführen. Für große Marktteilnehmer wie OKKO, WOG oder UPG wurde es unwirtschaftlich, Treibstoff zu importieren, und sie stellten die Einfuhr ein. Dies war eine Krise, die anderthalb bis zwei Monate dauerte und sich nach der Aufhebung der Beschränkungen löste.
Die heutige Situation ist anders. Der Aggressor zerstört die Infrastruktur physisch mit Raketen und Drohnen. Es geht nicht um Logistikrouten oder Preise – es geht um das physische Vorhandensein von Objekten zur Lagerung und Verteilung von Waren. Wie der Experte feststellt, ist die Zerstörung von Lagern ein Schlag gegen die Möglichkeit des Handels selbst.
Regionale Isolation und Treibstoffmangel
Besondere Besorgnis bereitet die Situation in den Grenzregionen wie den Oblasten Charkiw und Sumy. Auf der Autobahn Charkiw – Poltawa, wo vor kurzem noch etwa 20–25 Tankstellen in Betrieb waren, wurden die meisten von ihnen in den letzten anderthalb Monaten durch nächtliche Angriffe mit Drohnen zerstört. Auf diesem Abschnitt sind derzeit nur noch drei oder vier funktionierende Tankstellen übrig. Die Situation von Charkiw bis Dnipro ist noch kritischer: Es gibt praktisch keine funktionierenden Tankstellen mehr.
Dies birgt das reale Risiko, dass Charkiw und Sumy in eine Treibstoffisolation geraten und im Wesentlichen zu einer „Energieinsel“ werden, die vom Rest des Landes abgeschnitten ist. Der Aggressor versucht gezielt, nicht nur die Logistik, sondern auch die Strom- und Gasversorgung dieser Regionen zu stören.
Wer bezahlt für die verbrannten Waren?
Theoretisch sollte die Zerstörung eines Lagers nur den Immobilienbesitzer und nicht den Warenhersteller betreffen. In der Praxis sieht es anders aus. Wenn ein großes Verteilzentrum brennt, wie zum Beispiel das Lager von „Rozetka“ in Browary oder das Lager von Amtel bei Wyschnyj, werden zusammen mit dem Gebäude Waren von hunderten externer Lieferanten zerstört.
Auf den Lagern waren Waren des kleinen und mittleren Unternehmens gelagert – von Haushaltsgeräten und Lebensmitteln bis hin zu Elektronik und Alkohol. Im Fall des Amtel-Lagers brannte bereits gekaufter Alkohol von WineTime und Goodwine, Weine aus Italien und Frankreich, die den Lieferanten im Voraus bezahlt worden waren.
Die Hauptfrage, die unbeantwortet bleibt: Wer kompensiert diese Verluste? In der überwiegenden Mehrheit der Fälle – niemand. Die Möglichkeit einer Erstattung hängt von den Bedingungen der Handelsverträge zwischen dem Marktplatz und den Lieferanten ab. In vielen Situationen muss sich das Unternehmen jedoch selbst um die Tilgung von Krediten, die Bezahlung von Gehältern und die Beschaffung von Geld für den Wiederaufbau kümmern, ohne auch nur einen Kopeken an Entschädigung zu erhalten.
Preisanstieg: eine unvermeidliche Folge
Aufgrund des Fehlens von Kompensations- und Versicherungsmechanismen prognostizieren Experten für die nächsten ein bis zwei Monate einen Preisanstieg von etwa 10–15 %. Dies wird nicht geschehen, weil die Logistik teurer geworden ist, sondern weil Hersteller und Lieferanten, die ihre Waren physisch verloren haben, gezwungen sind, die Verluste auf den Endverbraucher abzuwälzen.
Reale Versicherungsmöglichkeiten für Kriegsrisiken bei Lagerimmobilien und Warenbeständen gibt es in der Ukraine heute praktisch nicht. Private Versicherer übernehmen neue Projekte nur zu hohen Prämien und nach sorgfältiger Prüfung des Standorts. Die vom Wirtschaftsministerium angekündigte staatliche Entschädigung ist symbolisch – etwa 100.000 Hrywnja pro Jahr, was mit den tatsächlichen Verlusten in Höhe von zig Millionen Dollar nicht vergleichbar ist.
Widersprüchliche Daten
Im Kontext der Zerstörung von Lieferketten und Lagern in der Ukraine und Russland gibt es verschiedene Einschätzungen des Schadensumfangs und der Entschädigungen. Einerseits weisen ukrainische Experten auf das Fehlen realer Versicherungsmöglichkeiten und die vollständige Überwälzung der Verluste auf Unternehmen und Verbraucher hin. Andererseits berichten russische Quellen (z. B. LIGA.net) über Angriffe auf russische Objekte wie das Ölraffinerie in Saratow und Lager des Marktplatzes Wildberries, wo die Möglichkeit von Entschädigungen für Verkäufer diskutiert wird. Im Fall der Ukraine zeigt die Analyse jedoch, dass das Entschädigungssystem praktisch nicht funktioniert, was ein einzigartiges Risiko für die Wirtschaft schafft.