Wissenschaftler der Monash University (Australien) haben vorgeschlagen, die Klassifikation der menschlichen Vorfahren grundlegend zu überdenken: Ihrer Ansicht nach sollten alle Arten, die in den letzten 4–5 Millionen Jahren auf der Erde gelebt haben, in eine einzige Gattung Homo zusammengefasst werden. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf eine Studie, die im American Journal of Biological Anthropology veröffentlicht wurde. Die Initiative betrifft nicht nur die Arten, die traditionell zu Homo gezählt werden, sondern auch Australopithecus (Australopithecinen) und Paranthropus (Paranthropinen), die derzeit in separate taxonomische Gruppen eingeordnet sind.

Warum die alten Kriterien nicht mehr funktionieren

Die traditionelle Wissenschaft stellte die menschliche Evolution als klare Abfolge dar: von den Menschenaffen über die Australopithecinen bis hin zu Homo sapiens. Doch laut dem Forscher Dr. Ian Toulson haben die angesammelten Fossilfunde und genetischen Analysen die heutige Taxonomie unwirksam gemacht. Die Schlüsselmerkmale, nach denen man früher die Gattung Homo bestimmte, sind faktisch nicht mehr verlässlich. Ein großes Gehirn ist kein zwingendes Kriterium mehr — einige anerkannte Homo-Arten hatten ein sehr kleines Gehirn. Die komplexe Nutzung von Werkzeugen und das ausgefeilte Verhalten, die als „menschlich“ galten, wurden auch bei Vertretern von Paranthropus und Australopithecus nachgewiesen. Die anatomischen und ökologischen Unterschiede, die früher als grundlegend empfunden wurden, haben sich als verschwommen erwiesen.

Widersprüchliche Daten

Hier ist es wichtig, die Differenz der Versionen ehrlich zu benennen. Einerseits behaupten die Befürworter des neuen Ansatzes, dass die Zusammenführung von Australopithecus und Paranthropus unter dem gemeinsamen Namen Homo ein stabileres System schaffen, den Wissenschaftlern die Notwendigkeit nehmen werde, bei jedem neuen Fund die Grenzen der Abstammungslinie ständig umzuschreiben, und es erlauben werde, den komplexen, nichtlinearen Weg der Entwicklung der menschlichen Art genauer zu beschreiben. Andererseits ist dies lediglich ein wissenschaftlicher Vorschlag und kein gefestigter Konsens: Die traditionelle Taxonomie, die diese Gruppen trennt, war Jahrzehnte lang das Fundament der Anthropologie, und ihre Aufhebung erfordert eine breite Anerkennung durch die Fachgemeinschaft. Das „Widerspruch“ liegt hier also nicht in Zahlen oder Daten, sondern im Ansatz selbst — das lineare Modell mit klaren Grenzen gegen das nichtlineare Modell mit einer einzigen Gattung — und ein endgültiges Urteil hat die Wissenschaft noch nicht gefällt.

Was das für die Wissenschaft bedeutet

Wenn der Vorschlag Anerkennung findet, wird die umgeschriebene Gattung Homo ein Abbild des modernen Verständnisses der Evolution sein: keine Treppe, sondern ein Busch mit vielen sich verflechtenden Ästen. Das wird Lehrbücher und Museen verändern, in denen heute Australopithecinen und Paranthropinen als separate „Stufen“ auf dem Weg zum Menschen dargestellt werden. Die Autoren betonen dabei, dass das Ziel nicht darin besteht, das Bild zu vereinfachen, sondern es genauer und widerstandsfähiger gegenüber künftigen Funden zu machen. Bislang bleibt die Initiative Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte, die in einem begutachteten Fachjournal festgehalten wurde.