Die Aktienkurse der größten US-Halbleiterlieferanten sinken bereits die achte Handelssitzung in Folge, was den längsten kontinuierlichen Rückgang seit 16 Jahren darstellt. Nach Einschätzung der Redaktion sieht dieser Trend längst nicht mehr wie eine routinemäßige technische Korrektur aus: Gleich mehrere Signale haben Investoren alarmiert – von Warnungen vor Überproduktionsrisiken bei Speicherchips bis 2029 bis hin zu wachsendem Druck durch chinesische Hersteller. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Rückgang der im ICE Semi-Index (30 Emittenten) enthaltenen Halbleiterwerte an Dynamik und zieht die Aufmerksamkeit von Analysten auf sich, die den Markt jedoch zu beruhigen versuchen: Von einem systemischen Zusammenbruch der KI-Infrastruktur zu sprechen, sei verfrüht.
Ausmaß der Korrektur: Die Zahlen des SOXX-Index
Die Dynamik spiegelt sich am deutlichsten im iShares Semiconductor ETF (SOXX) wider: Seine Aktien haben seit ihren Oktober-Höchstständen 14% verloren und sind bis Donnerstag auf 514,71 USD gefallen. Gleichzeitig zeichnete sich am selben Tag ein kurzfristiger Widerstand gegen den negativen Trend ab – der Index rutschte kurzzeitig unter die Marke von 496 USD, schloss die Sitzung dann jedoch über dem Eröffnungsniveau. Strukturell ist der Markt konzentriert: Auf die zehn größten US-Halbleiteremittenten entfallen 62% der Vermögenswerte des SOXX-Index. Das sind AMD, Intel, Nvidia, Micron, Broadcom, Marvell Technology, Analog Devices, Texas Instruments, KLA und Qualcomm. Die individuellen Verluste sind eindrücklich: Intel verlor innerhalb von zwei Wochen mehr als 20% seiner Marktkapitalisierung, und AMD gab allein während der Handelssitzung am 14. Oktober um mehr als 5% nach.
Überproduktion und der „China-Faktor“
Als einen der Haupttreiber der Korrektur nennen Analysten Warnungen einzelner Vertreter der Halbleiterindustrie vor der Gefahr einer Speicherüberproduktion bis 2029. Zusätzlichen negativen Impuls lieferten Argumente über erstarkende chinesische Speicherhersteller: Die „chinesische Bedrohung“ für zwei koreanische und einen US-amerikanischen Akteur zeichnet sich immer deutlicher ab, was deren Aktien nicht vor Kursverlusten bewahren konnte. Somit entsteht der Druck auf die Kurse nicht nur innerhalb des US-Marktes, sondern auch vor dem Hintergrund der globalen Umstrukturierung der Lieferketten für Speicherchips.
Schatten des KI-Booms: OpenAI-Umsatz und Fed-Zins
Probleme des KI-Booms selbst wirkten sich ebenfalls auf die Chipkonzerne aus. Im Zuge der Vorbereitungen auf einen Börsengang räumte OpenAI ein, dass sein annualisierter Umsatz sich auf 50 Milliarden USD beläuft und nicht auf 70 Milliarden USD, wie Investoren noch kürzlich angenommen hatten. Der Chef von Broadcom wiederum verglich die Investitionsaktivität im KI-Sektor mit einem Casino-Spiel, was das Marktvertrauen zusätzlich untergrub. Obendrauf kam die steigende US-Inflation, die die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung erhöhte: Teurere Fremdmittel verteuern die Finanzierung von KI-Projekten und verstärken den Druck auf die Notierungen des Halbleitersegments.
Analysten-Sicht: Rekalibrierung statt Bruch
UBS-Analysten ziehen es vor, den aktuellen Trend als „Rekalibrierung“ und nicht als fundamentalen Wendepunkt in der KI-Investitionsgeschichte zu qualifizieren. Ihr Argument: Technologieriesen, die allein in diesem Jahr fast 800 Milliarden USD für Investitionen einplanen, werden ihre Pläne kaum drastisch revidieren. Dieser Logik zufolge liegt das Problem im Finanzbereich eher bei den Kosten des Fremdkapitals und nicht in einem Mangel an Nachfrage nach neuer KI-Infrastruktur. Mit anderen Worten: Nach Ansicht einiger Analysten überarbeitet der Markt nicht die Investitionslogik selbst, sondern deren Preis und Amortisationszeiten.
Das Resultat der ersten Oktoberhälfte ist ein Bild, in dem der rekordlange Kursrutsch der Chipkonzerne mit Anzeichen von lokalem Widerstand und auseinandergehenden Meinungen einhergeht: Einige Marktteilnehmer sehen in der Bewegung ein Signal für eine drohende Überproduktion und eine Neubewertung der KI, während andere darin lediglich eine temporäre Rekalibrierung vor einer neuen Welle von Investitionsausgaben sehen. Die Klärung dieses Streits wird sich voraussichtlich zeigen, sobald die größten Emittenten aktualisierte Prognosen vorlegen und der Markt auf Zinsentscheidungen reagiert.