In Südkorea, wo jahrzehntelang die Formel „Universität — Büro — Stabilität“ dominierte, findet ein bemerkenswerter Wandel bei den Karrierepräferenzen der jüngeren Generation statt. Immer mehr Vertreter der Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012, lehnen den traditionellen Weg über einen Universitätsabschluss und Büroarbeit ab und entscheiden sich stattdessen für Berufe in der Produktion und im Ingenieurwesen. Einer Umfrage der Recruiting-Plattform Jinhaksa Catch zufolge stehen 68 % der jungen Koreaner körperlicher Arbeit positiv gegenüber — 5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Als Befragte vor die Wahl gestellt wurden zwischen Schichtarbeit in der Produktion mit einem Jahreseinkommen von 70 Millionen Won (ca. 50.000 US-Dollar) und einer Büroposition mit einem Gehalt von 30 Millionen Won, entschieden sich 60 % für die Fabrik. Dieser Trend wird durch die wachsende Nachfrage nach qualifizierten Ingenieuren in der Halbleiter-, Batterie- und Automobilindustrie verstärkt, wo die Gehälter den Durchschnitt des Bürosektors deutlich übersteigen.

Cha Sang-jins Geschichte: Vom Tourismus zu Halbleitern

Ein anschauliches Beispiel für diesen Karrieredreh ist die Geschichte der 26-jährigen Südkoreanerin Cha Sang-jin. Nach einer Ausbildung im Tourismusmanagement hätte sie sich nie träumen lassen, im Ingenieurbereich zu landen. Doch nach der Einstellung in einem Komponentenherstellungswerk in der Nähe ihres Wohnorts faszinierte Cha die Halbleiterindustrie. Die Praxis zeigte, dass für ein tiefes Verständnis der Produktionsprozesse Kenntnisse in Elektrotechnik, Sensorik, Chemie und verwandten Disziplinen erforderlich sind. Daraufhin schrieb sie sich im Studiengang Halbleitersysteme am Korea Polytechnics ein, einem führenden Netzwerk öffentlicher Berufsschulen mit 34 Campusstandorten im ganzen Land. Laut Kim Jae-min, einem Sprecher der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts, stieg der Anteil neuer Studierender mit bereits vorhandenem Bachelor-Abschluss von 16,8 % im Jahr 2021 auf 25,2 % im Jahr 2025. Das bedeutet, dass jeder vierte Studienanfänger an der Polytechnischen Hochschule nicht direkt von der Schule kommt, sondern nach vier Jahren Universität und echter Praxiserfahrung in der Produktion.

Zahlen, die das Bild verändern: Konkurrenz um Arbeitsplätze und Studienplätze

Das Ausmaß dieser Transformation verdeutlicht das Beispiel von Hyundai Motor. Im Jahr 2023 kündigte das Unternehmen nach einer zehnjährigen Pause die Einstellung von Produktionspersonal an: Auf 400 offene Stellen bewarben sich 120.000 Menschen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen von Hyundai-Produktionsarbeitern liegt bei rund 100 Millionen Won, das Einstiegsgehalt inklusive Boni bei 50–60 Millionen Won. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Einstiegsgehalt für Büroangestellte in Korea ist deutlich niedriger. Auch an den Polytechnischen Instituten hat sich der Wettbewerb verschärft: Laut Kim Jae-min stieg die Konkurrenz im Bereich Elektrotechnik im Vergleich zum vorherigen Auswahlverfahren um 156 %, in halbleiterbezogenen Fachbereichen um 137 %. Ähnliche Dynamiken wurden bei Programmen für Industrieanlagen, Automatisierung und Maschinenbau verzeichnet.

Selektives Interesse: Was anzieht und was abstößt

Es ist wichtig zu betonen, dass dieser Wandel bei den Karrierepräferenzen selektiver Natur ist. Jugendliche interessieren sich vor allem für gut bezahlte Positionen, die technisches Wissen erfordern und reale Aufstiegschancen bieten. Schlecht bezahlte, monotone und ungelernte Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie mit begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten bleiben weiterhin unattraktiv. Jinhaksa Catch zufolge sind die vielversprechendsten Branchen für junge Fachkräfte Informationstechnologie, Batterie- und Halbleiterproduktion (32 % Nennungen), Automobil-, Schiffbau- und Luft- und Raumfahrtindustrie (25 %), Beauty-Branche, Koch- und Backkunst (19 %), Elektrotechnik und Elektronik (18 %), Bauwesen und Innendesign (13 %), Maschinenbau und Schweißtechnik (10 %) sowie Rohrverlegung und Infrastrukturbau mit nur 3 %.

Systemischer Effekt: Von individuellen Entscheidungen zu strukturellen Arbeitsmarktveränderungen

Die individuellen Karriereentscheidungen von Tausenden junger Koreaner summieren sich zu einer strukturellen Veränderung des Arbeitsmarktes. Arbeitgeber in Hightech-Branchen erhalten Zugang zu motivierten Arbeitskräften, die bereit sind, in zusätzliche Bildung zu investieren, während Polytechnische Institute Bewerber mit praktischer Erfahrung anziehen, was die Ausbildungsqualität erhöht. Dabei verschwindet das traditionelle Modell des „Universitätsabschlusses als einzige Eintrittskarte zur Karriere“ zwar nicht, verliert aber seine dominante Rolle. Für die südkoreanische Wirtschaft, die stark vom Halbleiter- und Autoexport abhängt, könnte dieser Wandel ein Faktor für nachhaltige Wettbewerbsvorteile sein: Das Land erhält nicht nur Arbeiter, sondern ingenieurmäßig denkende Spezialisten, die sich bewusst für die Produktion entscheiden, anstatt aus Notwendigkeit dorthin zu drängen.