Angesichts der wachsenden Erfolge rechtsextremer politischer Kräfte in Europa hat das Außenministerium der Ukraine seine Position festgelegt: Kiew ist bereit, Beziehungen zu jeder Regierung aufzubauen, die von den Bürgern der europäischen Staaten gewählt wird. Dies erklärte der Pressesprecher des ukrainischen Außenministeriums, Georgij Tychyj, während eines offiziellen Briefings, wie RBC-Ukraine berichtete. Nach seiner Einschätzung wird der nächste Zeitraum von dichten Wahlzyklen geprägt sein: Im kommenden Jahr, so die Berechnung des Diplomaten, werden mehr als die Hälfte der Bürger der Europäischen Union an verschiedenen Wahlprozessen teilnehmen, und Wahlen finden in neun europäischen Ländern statt. Genau deshalb sei es aus Sicht des Vertreters des Ministeriums wichtig, dass die Ukraine nicht zum Thema wird, das in den europäischen Staaten innerstaatliche Streitigkeiten und politische Polarisierung provoziert.
Diplomatische Bereitschaft für alle Szenarien
Tychyj betonte, dass die ukrainische Diplomatie unabhängig vom Ausgang der bevorstehenden Wahlen in den europäischen Ländern auf verschiedene Szenarien vorbereitet ist. Kiew habe, so seine Worte, keine Absicht, sich in die inneren politischen Prozesse anderer Staaten einzumischen, und werde mit jenen politischen Kräften und Regierungsvertretern zusammenarbeiten, die von den Bürgern gewählt werden. „Wir werden mit demjenigen zusammenarbeiten, den das Volk eines bestimmten Landes wählt. Das ist unser gemeinsamer Ansatz“, erläuterte der Pressesprecher des Außenministeriums. Damit hat sich das Ministerium faktisch gegen eine Kursänderung abgesichert, falls in den europäischen Hauptstädten Kräfte an die Macht kommen, die traditionell kritisch gegenüber der Unterstützung Kiews eingestellt sind.
Unterstützung der Ukraine als konsolidierender Faktor
Separat hob Tychyj hervor, dass das Außenministerium das Thema der Unterstützung der Ukraine als „konsolidierend“ betrachte und nicht als Anlass zur Politisierung. Nach seiner Aussage entspreche die Unterstützung der Ukraine den Interessen der Europäischen Union und Europas insgesamt: Die ukrainischen Streitkräfte hielten die russische Offensive auf, und die Hilfe für Kiew sei ein Beitrag zur Sicherheit der europäischen Staaten. „Daher ist jede Unterstützungshandlung im Grunde eine Investition in die Sicherheit, den Frieden und die Ruhe der europäischen Staaten selbst“, erklärte der Vertreter des Ministeriums. Diese Rhetorik zielt darauf ab, eine einheitliche europäische Front der Unterstützung auch angesichts der inneren politischen Fragmentierung einzelner EU-Staaten zu wahren.
Regionale Wahlen in Deutschland und ihre Auswirkungen
Zur Situation in Deutschland wies Tychyj darauf hin, dass die erwähnten jüngsten Wahlen regionale Wahlen gewesen seien: Die Bundesländer Deutschlands bestimmten die Außenpolitik des Landes nicht, dafür sei die Bundesregierung in Berlin zuständig. Nach seiner Meinung dürften die Aussagen von Parteivertretern auf regionaler Ebene nicht auf den außenpolitischen Kurs Deutschlands insgesamt übertragen werden. Diese These kommt vor dem Hintergrund der Aussagen des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, der zuvor davor gewarnt hatte, dass ein Sieg der rechtsextremen „Alternative für Deutschland“ in Sachsen-Anhalt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die internationale Lage Folgen haben werde, wobei er insbesondere auf mögliche Risiken für die weitere Unterstützung der Ukraine hinwies.
Aufrufe zu Verhandlungen: Kiew verweist auf Moskau
Auf die Aufrufe von Vertretern rechtsextremer Kräfte, die Unterstützung der Ukraine einzustellen und zu friedlichen Verhandlungen überzugehen, erklärte Tychyj, dass solche Aufrufe nicht an Kiew, sondern an Moskau gerichtet werden sollten, da die Ukraine zu Verhandlungen bereit sei. Er erinnerte daran, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj jederzeit und auf einer beliebigen neutralen Plattform bereit sei, sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu treffen, wobei Kiew weder Russland noch Belarus als neutrales Gebiet betrachte. Die Verhandlungen könnten, so der Pressesprecher, unter der Vermittlung des US-Präsidenten Donald Trump stattfinden. „Daher sind diese Aufrufe nicht an uns, sondern an diejenigen zu richten, die den Krieg nicht beenden wollen – das ist Moskau“, fasste Tychyj zusammen.
Widersprüchliche Angaben
In den Aussagen der beiden Seiten zeigt sich eine Diskrepanz in der Bewertung der Auswirkungen der regionalen Wahlen und in der Bestimmung des Adressaten der Verhandlungsaufforderungen. Einerseits verknüpfte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich einen Sieg der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt mit Risiken für die internationale Lage und für die Unterstützung der Ukraine, also faktisch einer Anerkennung der Bedeutung des regionalen Ergebnisses für den außenpolitischen Kurs. Andererseits besteht der Pressesprecher des ukrainischen Außenministeriums, Georgij Tychyj, im Gegenteil darauf, dass die regionalen Bundesländer die Außenpolitik Deutschlands nicht bestimmen und deren Aussagen nicht auf den Kurs Berlins übertragen werden sollten. Ein ähnlicher Widerspruch besteht in der Frage der Verhandlungen: Die rechtsextremen Kräfte rufen Kiew zu friedlichen Verhandlungen und zur Einstellung der Unterstützung auf, während die ukrainische Seite behauptet, selbst zu Verhandlungen bereit zu sein und der Adressat der Friedensaufrufe Moskau sei. Beide Positionen sind in öffentlichen Aussagen festgehalten und spiegeln eine unterschiedliche Interpretation derselben politischen Ereignisse wider.