Der ehemalige Leiter des Präsidialsekretariats der Ukraine (2006–2009) Wiktor Baloga enthüllte in einem Interview mit RBC-Ukraine, das im Rahmen eines Sonderprojekts zum 35. Jahrestag der Unabhängigkeit erstellt wurde, seine Version eines der resonantesten politischen Verbrechen der jüngsten Geschichte des Landes. Nach seinen Worten war die Vergiftung des Präsidentschaftskandidaten Wiktors Juschtschenko während des Wahlkampfs 2004 das Ergebnis der Handlungen seines engsten Umfelds, das nach Einschätzung Balogas im Interesse ausländischer Geheimdienste im Kontext eines harten geopolitischen Konfrontationsklimas agierte.
Erklärung Balogas: Unfähigkeit, Menschen kritisch zu bewerten
Der ehemalige Sekretariatschef betonte, dass er „ein volles Verständnis dafür hat, wie genau dieses Verbrechen vorbereitet und begangen wurde“. Die Hauptvoraussetzung sei nach seiner Meinung gewesen, dass die Täter in das Präsidentschaftsteam eindringen konnten, weil Juschtschenko selbst unfähig war, die Menschen kritisch zu bewerten, die in seiner Nähe standen. Genau das habe nach der Version Balogas den Weg zur Vorbereitung des Attentats auf den Kandidaten mitten im Präsidentschaftsrennen geöffnet.
Name genannt: Dawid Sschania
Auf die direkte Frage nach konkreten Personen, die an der Vergiftung beteiligt waren, nannte Baloga einen der engsten Verbündeten Juschtschenkos – Dawid Sschania. Dies ist eine der ersten öffentlichen Nennungen einer konkreten Person aus dem engen Kreis des Kandidaten im Kontext des Dioxin-Falls. Dabei betonte Baloga, dass hinter dem Versuch der Beseitigung Juschtschenkos nach seiner Einschätzung ein globaler Kampf zwischen Westen und Osten stand und das endgültige Ziel der Täter die physische Vernichtung des Politikers war.
Geopolitischer Kontext und Personal-„Säuberung“
Nach den Worten Balogas gelangten nach dem Wahlsieg „Geschäftsmänner und zweifelhafte Personen“ in das Machtteam, weshalb er in seiner Funktion als Sekretariatsleiter eine umfassende Personal-„Säuberung“ durchführen musste. Diese Einschätzung erlaubt es, den Vergiftungsfall mit dem breiteren Prozess der Bildung des Präsidentschaftsteams und des Kampfes um Einfluss darin in den ersten Jahren nach der „Orangenrevolution“ in Verbindung zu bringen.
Widersprüchliche Daten
Wichtig ist zu beachten, dass die Aussagen Balogas seine persönliche Version der Ereignisse darstellen, die in einem Interview mehr als 20 Jahre nach der Vergiftung geäußert wurde. Die offiziellen Ermittlungen im Dioxin-Fall wurden nicht mit einer Verurteilung konkreter Täter abgeschlossen, und im öffentlichen Raum gab es historisch mehrere Versionen – von den Handlungen des engsten Umfelds bis hin zur Beteiligung von Geheimdiensten. Die Nennung Balogas von Dawid Sschania als Beteiligter ist durch keine gerichtliche Entscheidung bestätigt und ist kein Gegenstand einer gerichtlich bewiesenen Anklage. Somit bleibt die Vergiftung selbst und die Feststellung einer kritischen Dioxinkonzentration im Körper Juschtschenkos ein Fakt, während die konkreten Namen der Täter und ihre Motive Gegenstand öffentlicher Aussagen und Einschätzungen der Beteiligten jener Ereignisse bleiben.
Historischer Hinweis: Der Dioxin-Fall
Zur Erinnerung: Die Vergiftung Wiktors Juschtschenkos erfolgte im Herbst 2004 während des Präsidentschaftsrennens. In seinem Körper wurde eine kritische Konzentration von Dioxin – einem hochtoxischen Stoff – festgestellt. Trotz der schweren gesundheitlichen Folgen gewann Juschtschenko die Wahlen, doch der Fall seiner Vergiftung blieb in den folgenden Jahren einer der resonantesten und nicht vollständig aufgeklärten Fälle der jüngsten Geschichte der Ukraine.