Nach einer Nacht voller Explosionen und Sirenen beklagen viele Ukrainer, dass sie am nächsten Tag nicht zur Normalität zurückfinden. Laut der Hausärztin Lilija Sarachman, die dem Medium Wave RBC.UA ein exklusives Interview gab, liegt die Ursache darin, dass der Körper gleichzeitig zwei schwere Belastungen durchmacht: eine akute Stressreaktion und chronischen Schlafmangel. Genau diese Kombination erklärt, warum sich das Wohlbefinden lange nach der unmittelbaren Gefahr weiterhin gedämpft anfühlen kann.
Modus „Kämpfen oder Fliehen“: Was im Körper passiert
Wenn sich ein Mensch in einer Zone echter Bedrohung befindet, wird das sympathische Nervensystem aktiviert – der sogenannte „Kämpfen-oder-Fliehen“-Modus. In diesem Moment steigt der Spiegel der Stresshormone, vor allem von Adrenalin und Noradrenalin, stark an. Daraus entstehen typische körperliche Symptome: beschleunigter Herzschlag, Zittern in den Händen, Schwitzen, erhöhter Blutdruck und eine allgemeine Muskelverspannung. Der Körper verbraucht buchstäblich erhebliche Ressourcen, um mit der wahrgenommenen Gefahr fertig zu werden, und kann nicht sofort in einen ruhigen Zustand wechseln.
Folgen von Angst und Schlafmangel
Zur akuten Reaktion auf die Gefahr kommt ein zweiter Faktor hinzu – die Störung des Schlafes. Schon eine einzige Nacht mit häufigem Aufwachen oder vollständigem Schlafentzug wirkt sich negativ auf Reaktionsfähigkeit, Gedächtnis und die Fähigkeit aus, Emotionen zu kontrollieren. Die Ärztin betont, dass nach starkem Schrecken häufig Kopfschmerzen, Übelkeit, Unwohlsein im Bauch und ein ausgeprägtes Schwächegefühl auftreten. Daher ist es am nächsten Tag völlig normal, sich erschöpft und weniger leistungsfähig als üblich zu fühlen: Das Nervensystem hat den Erholungsprozess noch nicht abgeschlossen.
Praktische Schritte zur Erholung
Sarachman rät, sich in erster Linie nicht maximale Produktivität abzuverlangen und, wenn möglich, nicht zwingende Aufgaben zu verschieben und nur das Wichtigste auf den Tag zu legen. Wichtig ist, ausreichend Wasser zu trinken und sich richtig zu ernähren, ohne die Müdigkeit allein mit Kaffee oder ausgesetzten Mahlzeiten auszugleichen. Von Koffein sollte man nicht zu viel zu sich nehmen: Eine Portion reicht in der Regel aus, da eine große Menge nach einer stressigen Nacht Erregung, Zittern und Herzrasen verstärken kann. Wenn möglich, sollte man an das Tageslicht gehen – ein ruhiger Spaziergang an der frischen Luft für 20–30 Minuten hilft dem Körper, aus dem Zustand der ständigen Bereitschaft herauszukommen. Wenn man sehr müde ist, ist ein kurzer Mittagsschlaf von etwa 20–30 Minuten zulässig, aber nicht zu spät, um den Nachtschlaf nicht zu stören.
Rückkehr zum Rhythmus und Warnsignale
Die Ärztin warnt: Nach einer schweren Nacht entsteht oft das Verlangen, den Schlafmangel mit einem sehr langen Mittagsschlaf auszugleichen oder den gesamten Tagesablauf zu ändern. Wenn es jedoch möglich ist, sollte man am Abend so weit wie möglich zum gewohnten Rhythmus zurückkehren – zu Abend essen, sich etwas ausruhen und zur gewohnten Zeit ins Bett gehen. Die wichtigste Regel: von sich selbst keine sofortige Rückkehr zum früheren Tempo verlangen, denn das Nervensystem braucht Zeit, um sich zu beruhigen. Gleichzeitig dürfen starke Brustschmerzen, ausgeprägte Atemnot, Bewusstlosigkeit, eine schwere Verletzung oder andere akute Symptome nicht nur auf Stress geschoben werden: In solchen Fällen ist eine sofortige medizinische Hilfe erforderlich.