Die Vorsitzende der Nationalversammlung Serbiens und eine der Schlüsselfiguren der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS), Ana Brnabić, hat am 22. August 2026 öffentlich einen Plan dargelegt, Alexander Vučić nach Ablauf seiner zweiten Präsidentschaftsamt an der Spitze des Staates zu halten. Während eines Wahlkampfausflugs durch die Parteistände der SNS im Belgrader Stadtteil Resnik sowie auf dem Zvetkov-Markt und in Borča erklärte die Parlamentspräsidentin, dass man die Verfassung des Landes ändern wolle, um das verfassungsmäßige Verbot einer dritten Amtszeit zu umgehen. „Wir werden alle stimmen, oder? Deshalb werden wir danach, solange Vučić Premierminister ist, die Verfassung ändern, und dann kann er wieder Präsident werden. So haben wir eine Lösung für alles“, sagte Brnabić, während sie sich an Parteimitglieder und Journalisten wandte.

Die „Rochade“-Formel der regierenden Partei

Die Aussage Brnabićs legt de facto eine mehrstufige Strategie offen, die in serbischen politischen Kreisen bereits als „serbische Rochade“ bezeichnet wird. Der erste Schritt sieht vor, dass Vučić das Präsidentenamt vorzeitig verlässt und die Serbische Fortschrittspartei bei den bevorstehenden Parlamentswahlen anführt und sich für das Amt des Premierministers kandidiert. Der zweite Schritt – der Wechsel Vučićs in das Kabinett der Minister, was es ermöglichen würde, die faktische Kontrolle über die administrativen und sicherheitspolitischen Ressourcen während der Verfassungsreform zu wahren. Der dritte und abschließende Schritt – die Aufhebung der Beschränkung auf zwei Präsidentschaftsämter oder die Nullstellung der bisherigen Mandate durch Verfassungsänderungen, wonach Vučić erneut für das höchste Staatsamt „von Null“ kandidieren könnte.

Verfassungsrechtliche Einschränkungen und juristischer Kontext

Gemäß der geltenden Artikel 116 der Verfassung Serbiens von 2006 darf eine Person das Amt des Präsidenten der Republik nicht mehr als zweimal innehaben. Die zweite fünfjährige Amtszeit von Alexander Vučić endet im Jahr 2027, was ihm juristisch die Möglichkeit einer erneuten Kandidatur ohne Anpassung des Grundgesetzes verschließt. Dabei erfordern jegliche Änderungen der Bestimmungen über die staatliche Gewalt, einschließlich der Artikel über die Präsidentschaftsämter, nicht nur eine qualifizierte Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen in der Nationalversammlung, sondern auch die zwingende Vorlage der Änderungen auf einer landesweiten Volksabstimmung gemäß Artikel 203 der Verfassung. Dies schafft eine erhebliche prozedurale Hürde, insbesondere angesichts der politischen Turbulenzen.

Vorzeitige Wahlen und Legitimitätskrise

Die Worte Brnabićs fielen vor dem Hintergrund der von Vučić selbst ausgerufenen vorgezogenen Parlamentswahlen, die auf den 18. oder 25. Oktober 2026 angesetzt sind. Dabei befindet sich Serbien bereits seit über anderthalb Jahren in einem Zustand tiefer politischer Turbulenz: Seit Ende 2024 nehmen in dem Land großangelegte regierungskritische Proteste von Studierendenbewegungen und der Opposition nicht ab, angeheizt durch Korruptionsskandale und die Tragödie am Bahnhof von Novi Sad. Die Protestbewegung wertet das Angebot Brnabićs als offenen Versuch der Machtergreifung und als Kopie des Modells der verfassungsrechtlichen „Nullstellung“, das zuvor in einer Reihe autoritärer Regime angewandt wurde. Oppositionsparteien haben bereits erklärt, dass sie ein Umschreiben des Grundgesetzes zugunsten einer einzelnen Person nicht zulassen und jegliche Änderungen in internationalen Institutionen anfechten werden.

Widersprüchliche Angaben

Innerhalb der regierenden Koalition selbst ist ein deutliches Auseinanderklaffen in der öffentlichen Rhetorik zu beobachten. Während die Parlamentspräsidentin Ana Brnabić offen und ohne Vorbehalt für eine Verfassungsänderung zur Erhaltung Vučićs an der Macht eintritt, hat der Präsident selbst in früheren öffentlichen Auftritten wiederholt erklärt, dass er nicht plane, das Grundgesetz zu seinen Gunsten zu ändern, und seine Verbundenheit zu den geltenden verfassungsrechtlichen Normen betont. Dies erzeugt einen Widerspruch in den Positionen der beiden Schlüsselfiguren der SNS: Auf der einen Seite distanziert sich der formelle Staatsoberhaupt öffentlich von der Idee der „Nullstellung“, auf der anderen Seite kündigt die Parlamentsvorsitzende, die im Namen der regierenden Partei handelt, offen eine Verfassungsreform als Teil der Wahlkampfstrategie an. Beobachter weisen darauf hin, dass solche Widersprüche sowohl ein Element des innerparteilichen Spiels und der Rollenverteilung sein können als auch ein reales Meinungsverschieden in der SNS-Elite über die zulässigen Grenzen der Machtkonzentration widerspiegeln.

Internationale Reaktion und Risiken für die EU-Integration

Der Versuch, die Unveränderbarkeit der Macht in Serbien verfassungsrechtlich zu verankern, wird den ohnehin angespannten Prozess der EU-Integration des Landes unvermeidlich verschärfen. Brüssel und die Venetianische Kommission des Europarats, die bereits Bedenken über den Zustand der Rechtsstaatlichkeit in Belgrad geäußert hatten, werden solche Änderungen mit hoher Wahrscheinlichkeit als Rückschritt in den demokratischen Standards einstufen. Für Serbien, das den Kandidatenstatus für die EU-Mitgliedschaft anstrebt, droht dies ein Einfrieren des Verhandlungstracks und eine Verstärkung des Drucks auf die regierende Koalition. Angesichts einer gespaltenen Gesellschaft und anhaltender Straßenproteste birgt die Umsetzung der „Rochade“-Strategie das Risiko, die politische Anspannung in eine Phase des direkten zivilen Konflikts zu überführen, was unvorhersehbare Folgen für die regionale Stabilität auf dem Balkan haben könnte.